Die Sprache spielte vor allem bei den frühen Nationalismen der Kolonialzeit eine Rolle, da sie ein Symbol der Zugehörigkeit zu einer Kultur darstellte. Daher waren auch viele Schriftsteller am romantischen Nationalismus beteiligt, deren Romane Leitbilder der jeweiligen nationalen Bewegung wurden.
Religionszugehörigkeit war vor allem während des Zerfalls des Osmanischen Reichs ein wichtiges Kategorisierungsmerkmal. Dies lag auch an der Struktur des Reichs, das als Vielvölkerstaat, den einzelnen Völkern eine gewisse Autonomie einräumte die in erster Linie von den religiösen Führern der Minderheiten beansprucht wurde. In vielen islamischen Ländern ist Nationalismus bis heute mit Religionszugehörigkeit verbunden.
Ein Territorium auf dem eine große Anzahl von Menschen einer Kultur über einen größeren Zeitraum gelebt haben ist die Grundlage für den nationalistischen Mythos, der Anspruch auf diesen Raum für die neue Nation beansprucht. Bei den Nationalismen Lateinamerikas spielte die räumliche Einteilung der spanischen Kolonialverwaltung eine wichtige Rolle und legte die späteren Grenzen der neuen Nationalstaaten fest.
Die Nationalsozialisten verbanden Nationalismus mit Rassismus, indem sie die Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft nur den Menschen zusprachen, die aus ihrer Sicht der deutschen (arischen) Rasse angehörten. Alle anderen die nunmehr fremde Elemente darstellten mussten entfernt werden, um das Ziel einer homogenen Gesellschaft zu erreichen.
   

Nationalismus und Moderne

Die Auswirkungen der Moderne auf menschliche Gemeinschaften

In der Vormoderne wurde die Ordnung der Natur von den Menschen nicht in Frage gestellt. Dies änderte sich im Zuge der Aufklärung. Die alleinige Bedeutung der Religion für das Zugehörigkeitsgefühl schwand und wurde durch die Kultur ersetzt, die auf einer gemeinsamen Sprache, gemeinsamer historischer Erfahrungen und/oder auch einer gemeinsamen Religion zurückgreifen konnte. Dementsprechend verloren die religiös legitimierten, monarchischen Dynastien ihre Berechtigung. Die Natur wurde nun analysiert und kategorisiert. Diese Sichtweisen wurden auch auf menschliche Gemeinschaften angewandt. Als neues politisches System entstand das Konzept der Nationen.
Grundlage für den Nationalismus war dabei oft ein nationalistischer Mythos, der versucht einen Bezug zur Vergangenheit herzustellen und diesen, im Sinne des Historizismus, auf die nationalistische Idee anzuwenden.


Nationalistischer Mythos

Kompatibilität mit anderen Ideologien und Ordnungen

Im Lauf der Geschichte haben sich unterschiedliche Typen von Nationalismen herausgebildet, die völlig verschiedenen Ordnungen folgten. Für Lateinamerika war der Einbezug der ehemaligen Sklaven und Indios in die neu entstandenen Nationen charakteristisch. Die Sprache, als auch die gemeinsamen Erfahrungen in den einzelnen Verwaltungsregionen des spanischen Imperiums, dienten in diesen Fällen als einende Elemente. Nationalismus war die Liebe zur Nation, in der die Nationalbürger eine große Familie bildeten.
Liberale Bewegungen in Mitteleuropa (z.B. Deutschland, Italien im 19. Jahrhundert) griffen die nationalistische Idee auf und forderten demokratische, nationale Parlamente. Nationalismus war auch ein wichtiger Treiber im Prozess der Dekolonisation während des 20. Jahrhunderts.
Auf dem Balkan entbrannte hingegen ein Kampf um Identitäten. Brutale und opferreiche Kriege mussten die Frage nach der ethnisch-religiösen Herkunft klären, die das Merkmal der Nation bildete.
Ein Grund für die unterschiedlichen Ausprägungen des Nationalismus dürfte dabei der zeitgenössische Kontext sein. Während die lateinamerikanischen Nationalismen des 18. Jahrhunderts einen anti-imperialistischen Charakter hatten, war beim deutschen Nationalismus des 20. Jahrhunderts die Ideologie des Rassismus in der westlichen Welt bereits vollständig ausgeprägt.

Nationalismus an sich ist eine einnehmende Ideologie, die danach strebt möglichst viele Menschen und geographische Räume in die nationalistische Gemeinschaft einzuschliessen und in dem Sinne nach Expansion strebt. Ausgrenzungen aus dieser Gemeinschaft werden von rassistischen Denkelementen legitimiert, die über die Definition des Kulturbegriffs Einzug in den Nationalismus erhalten.

Erklärungsansätze

Nationen sind vorgestellte, anonyme Gemeinschaften, da die meisten ihrer Angehörigen sich nicht persönlich kennen. Sie befriedigen das menschliche Bedürfnis nach Identität und Zugehörigkeit. Historisch betrachtet hängt das Entstehen des Nationalismus mit dem Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft zusammen. In der Agrargesellschaft fand die Ausbildung innerhalb einer kleinen Gruppe statt; die Sprache war sehr kontextbezogen und lokal sehr unterschiedlich. Dementsprechend stellte es für die Menschen kein Problem dar von Herrschern regiert zu werden, die einer anderen Kultur angehörten. Die komplexere Arbeitsteilung der Industriegesellschaft veränderte das Ausbildungs- und Arbeitsleben der Menschen und damit die Hauptquelle ihres Identitäts- und Zugehörigkeitsbedürfnisses. Nun war eine standardisierte, kontextfreie Kommunikation und Ausbildung erforderlich. Jeder musste die gleiche Grundausbildung durchlaufen um Mobilität für die Flexibilitätsansprüche der Industrie zu gewährleisten. Eine große Masse von Menschen hatte nun eine gemeinsame Grundlage auf der ein neuer, moderner Staat aufgebaut werden konnte.

Der nationalistische Wettbewerb

Dies führte zum Grundprinzip des Nationalismus: der Einheit von Kultur und Staat. Die Verletzung dieses Prinzips wurde als ungerecht empfunden. Um diese Ungerechtigkeit zu korrigieren ist der Homo Reciprocans bereit hohe Kosten einzugehen bis zu dem Punkt sein eigenes Leben zu riskieren.
Da aber geographische Räume knapp, Kulturen und Sprachen weit verstreut und viele ähnlich aber nicht einheitlich waren, musste durch (freiwillige aber auch Zwangs-) Assimilation, Gewalt, Vertreibung bis hin zur Vernichtung von Bevölkerungsgruppen, für Homogenität im eigenen Staat gesorgt werden.

Kultur  

Geografische und kulturelle Räume

Im Gegensatz zu einem geografischen Raum, der im Lauf der Geschichte konstant bleibt (z.B. die Balkanhalbinsel, die Iberische Halbinsel oder Sibirien) ist ein kultureller Raum einem ständigem Wandel unterlegen. Durch Migration, Eroberung oder innere Reformen veränderten und verlagerten sich Kulturen mit der Zeit. Ein Staatsterritorium umfasst dabei einen geografischen Raum. Verglichen mit einem Nationalstaat war bei anderen Staatsformen, wie Monarchien oder Imperien, dieser nicht deckungsgleich mit dem kulturellen Raum. Um die Forderung nach der Einheit von Kultur und Staat zu legitimieren führte dies in manchen Fällen zur Ausbildung des Narrativs eines nationalistischen Mythos: Ein geografischer Raum, (der oft dem Staatsterritorium entspricht) wird mit einem kulturellen Raum gleichgesetzt und für historisch konstant gehalten. Diese Vorstellung ist bis in unsere heutige Zeit weit verbreitet.


Die Idee des Nationalismus wurde mittlerweile weltweit verwirklicht und ist im Alltagsleben und Denken der Menschen tief verankert, unter anderem in Form von nationalen Sportmannschaften oder nationalen Parlamenten.


Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


Prognosen   Integration versus Assimilation   Geschichtsverständnis  


Literatur:

Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Campus-Verlag, 2005.

Bröning, Michael: Lob der Nation: Weshalb wir den Nationalstaat nicht den Rechtspopulisten überlassen dürfen. Verlag J.H.W.Dietz, 2018.

Gellner, Ernest: Nationalismus und Moderne. Rotbuch-Verlag, 1991.

Kaufmann, Margrit E: Rassismus und die Kategorien 'Rasse'/'Kultur'/'Ethnizität'. KulturPolitik—KörperPolitik—Gebären; VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 21-64, 2002.

Einheit von Kultur und Staat