Der Begriff der Rasse stammt ursprünglich aus der Pferdezucht und übertrug sich später auf soziale Gruppen. Unterschiede zwischen Volksgruppen lassen sich nur mit neutralen genetischen Markern feststellen. Neutrale Marker werden nicht in Genprodukte umgewandelt und geben daher keine Auskunft über menschliche Eigenschaften. Aus diesem Grund können Menschen nicht in Rassen mit abgegrenzten Fähigkeiten und Eigenschaften kategorisiert werden. Unterschiede zwischen Volksgruppen sind weitaus geringer als Unterschiede innerhalb dieser Gruppen.
Vor allem im 19. Jahrhundert wurden die Ideen der Rasse und des Rassenkampfes auf gesellschaftliche Klassen und den Klassenkampf übertragen, indem die Arbeiterschaft als Rasse aufgefasst wurde. Stalins Kampf gegen Andersdenkende und Gegner des Klassenziels wies viele Ähnlichkeiten zu Hitlers Rassenkampf auf:
Kampf gegen innere und äußere Feinde;
Inhaftierung politischer Gegner in Gulags;
Indoktrination der Jugend;
Auslöschung kompletter Landstriche.
Die Kultur ist ein aktuell viel diskutiertes Kategorisierungsmerkmal, dessen Debatte mit Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen" begann. Fremde Kulturen werden als Bedrohungspotentiale wahrgenommen, aus denen unausweichliche Konflikte folgen müssen.
Auch Stände wurden in den Rassendiskurs miteinbezogen (Konstruktion einer Adelsrasse). Die Auswirkungen solcher Ideen dauern bis in unsere Zeit fort. Der Völkermord von Ruanda 1994 wurde von Ideen begünstigt, die ehemalige europäische Kolonialherren in Afrika verbreitet haben. Die einzelnen Stände der ruandischen Gesellschaft wurden damals in Rassen eingeteilt. Die zweitgrößte Gruppe, die Tutsi (Viehzüchter) wurde von den Kolonialherren als überlegen definiert und ihnen wurde Macht und Legitimation erteilt die unterlegenen Hutu (Ackerbauern) zu unterdrücken. Diese Konstellation mündete im Völkermord an den Tutsi durch die Hutu.
Die Idee, die Herkunft von Menschen sei von biologischen Faktoren abhängig, ist sehr alt. Als Ursprung der Herkunft wurde das Blut definiert, ehe man zur Kenntnis gelang, dass die Gene hierfür verantwortlich sind. Durch statistische Auswertung neutraler genetischer Marker können menschliche Gruppen geografischen Räumen zugeordnet werden. Die Gruppen sind aber nicht scharf voneinander abgrenzbar. Die Zuordnung von Individuen zu geografischen Regionen erfolgt auch statistisch, wobei nicht jedes Individuum eindeutig zugeordnet werden kann.
In den USA des 19. Jahrhunderts stellten Menschen mit protestantischen Wurzeln die Forderung, die Einwanderung von Iren nach Amerika zu stoppen. Ihre Begründung war, dass Iren eine minderwertige Rasse seien, weil sie Katholiken sind. Die irischen Einwanderer verwiesen hingegen auf Afro-Amerikaner und verteidigten sich mit dem Argument, dass diese viel minderwertiger seien als sie selbt. Die Opfer des Rassismus richteten ihren Protest nur selten gegen die Institution des Rassismus an sich, sondern bedienten sich dieser Denkweise.
Die Nation war im 19. Jahrhundert ein beliebtes Kategorisierungsmerkmal für Rassismen. Französische Wissenschaftler glaubten die Deutschen seien eine minderwertige Rasse, weil sie von Slawen abstammen würden. Ähnliches dachten Deutsche über andere Nationen. Die Nationalsozialisten bewunderten die antiken Griechen, mussten aber ihre Invasion in Griechenland begründen. Ihr Erklärungsmuster war, dass die modernen Griechen nicht von den antiken Griechen abstammen würden, sondern von Slawen.
   

Entstehungsgeschichte des Rassismus

Rassismus: Ursachen einer modernen Ideologie

Rassismus ist "ein Erbe der geschichtlichen Entwicklung unseres modernen Denkens und damit Teil unserer modernen Realität."
Christian Geulen, S.8

Er ist wandelbar, anpassungsfähig und hat seine Anschlussfähigkeit an andere Ideologien bereits unter Beweis gestellt. Gerade in Zeiten von Globalisierungsschüben in denen Zugehörigkeit immer unsicherer wird, verspricht der Rassismus durch Überhöhung des Eigenen und Ausgrenzung des Fremden das Bedürfnis nach Identität und Zugehörigkeit zu verwirklichen. Diese Verwirklichung stellt einen engen Bezug zwischen (theoretischer) Ideologie und (gewaltsamer) Praxis dar, die sich gegenseitig legitimieren.

Anfänge

Seine ersten Anzeichen hatte er im 15. Jahrhundert in Spanien mit der Vertreibung der Juden und muslimischen Mauren im Zuge der Reconquista. Die Juden waren durch ihr Selbstverständnis als auserwähltes Volk zur Integration bereit aber nicht zur vollständigen Assimilation. Dies äußerte sich in der offiziellen Annahme des christlichen Glaubens aber inoffiziell wurden weiterhin die jüdischen Bräuche gepflegt. In den früheren Phasen des Christentums stellte dies kein Problem dar, doch nun stand der Vorwurf der scheinbaren Assimilation im Raum. Die abgeleitete Schlussfolgerung war, diese komplette Gruppe als nicht assimilationsfähig anzusehen und führte zur erstmaligen Anwendung des Begriffs der Rasse in diesem Zusammenhang. Dieser Wandel in der Wahrnehmung der Assimilationsfähigkeit hatte seine Ursachen in der politischen Neuordnung jener Zeit. Durch Humanismus, Reformation und der Entstehung der Wissenschaft änderten sich die Bedingungen für Zugehörigkeit und Identität in den europäischen Gesellschaften. Die Erkundungsfahrten der Seefahrer brachten zudem die Erkenntnis über die Begrenztheit der Erde hervor. Aus dieser Begrenztheit war abzusehen, dass es einen zukünftigen Wettbewerb um knappe Ressourcen geben würde.

Theorie

Eine zentrale Rolle in der Ausbildung des Rassismus spielte die Evolutionstheorie und deren Fehlinterpretation. Durch die Nicht-Beachtung des Zufallsprinzips setzten sich die Ideen des Evolutionismus durch.
Ging man zur Zeit der Aufklärung noch davon aus, dass menschliche Gesellschaften einer kontinuierlichen, positiven Entwicklungslinie folgen, führte die Evolutionstheorie zur Einsicht, dass Menschen einen gemeinsamen Ursprung haben und die Überlegenheit von Rassen nur durch die natürliche Selektion erfolgt. Dadurch könnten ehemals "überlegene" Rassen durch vormals "unterlegene" Rassen verdrängt werden.
Diese neue Dynamik die damit einherging stellte ein Bedrohungspotenzial dar, das zusammen mit einer zunehmenden Biologisierung der Gesellschaft und der Geschichte, massiv den wissenschaftlichen Diskurs bestimmte. Spätestens seit Arthur de Gobineaus Theorie "Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen", wurde die Idee des Rassenkampfes in der westlichen Welt sehr beliebt. Die Gedanken des Rassenkampfes wurden dabei auf sämtliche Bereiche der Gesellschaft übertragen. Nahezu sämtliche soziale Gruppen einer Gesellschaft, seien es nun Arme oder Kriminelle, wurden kategorisiert und mit bestimmten Eigenschaften versehen. So war es üblich von der Arbeiterrasse oder Adelsrasse zu sprechen. Rassismus war von Anfang an nicht auf ethnische Kategorien beschränkt sondern auf willkürlich definierte, gesellschaftliche Gruppen anwendbar.

Praxis

Aus Theorie wird Praxis, wenn eine analytische Kategorisierung von Menschen zu einem zielgerichteten Bedrohungspotential wird. Im modernen Denken werden Teile der Natur aus ihrem Kontext gerissen um sie zwecks Optimierung besser analysieren zu können. Um nicht als Misserfolg oder Ressourcenverschwendung zu gelten, fordern Analysen ein anschließendes auf ihre Ergebnisse beruhendes, aktives Handeln ein. Dieses Handeln zielt darauf ab Veränderungen an der Natur vorzunehmen und auf Menschen übertragen ist die Beseitigung von Bedrohungen das oberste Ziel. Durch die für eine Analyse notwendige Kategorisierung lassen sich Bedrohungspotentiale identifizieren und auf Menschengruppen übertragen. Die Dekontextualisierung von Menschen erlaubt hingegen eine Projektion der aktuellen Praxis und des empfundenen Bedrohungspotentials auf diese Menschen. Auf diese Weise legitimieren sich Praxis und Theorie gegenseitig.

Kommunizierte Knappheit, bedingungslose Prognosen, bedingungsloses Wachstum, bedingungloser Fortschritt und Wettbewerb; sie alle sind Instrumente derer sich der Rassismus bedient. Veranschaulichen lässt sich dies anhand der Blut und Boden Politik des Nationalsozialismus. Die Kommunikation von Knappheit wurde hier in Bezug auf Lebensraum und "gutem" Genmaterial angewandt. Fortschritt war nur durch Wachstum und Wettbewerb möglich und er war unumgänglich. Ansonsten wurde der Untergang prognostiziert. Aus einem Land ohne Volk (Geburtenrückgange wurden als Bedrohung durch die Vermehrung "Minderwertiger" angesehen) wurde binnen kurzer Zeit, ein Volk ohne Raum, das expandieren musste. Auf diese Weise wurde ein Kampf gegen innere und äußere Feinde legitimiert.


Analytische Kategorisierung Analytische Kategorisierung








Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


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Literatur:

Cremer, Hendrik: "... und welcher Rasse gehören Sie an?" - zur Problematik des Begriffs" Rasse" in der Gesetzgebung. Policy Paper 10, 2. Auflage, 2009.

Geulen, Christian: Geschichte des Rassismus. C.H. Beck, 2007.

Haller, Michael; Niggeschmidt, Martin: Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik. SpringerVS, Wiesbaden, 2012.

Lindner, Kolja: Radikalisierte Identitäten. Der Genozid in Ruanda und seine (post-)koloniale Vorgeschichte. Revue du tiers monde, S.34-37, 2010.

Lange, Karl: Der Terminus "Lebensraum" in Hitlers "Mein Kampf". Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 13.4. H, S. 426-437, 1965.

Weitere Literatur zum Thema Rassismus

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Aus Sicht der Chinesen waren sie als Reich der Mitte allen anderen Völkern überlegen und glaubten, dass diese Barbaren ihnen nichts Wertvolles als Gegenleistung zu bieten hätten. Auch die antiken Römer und Griechen glaubten, dass die benachbarten Barbarenvölker ihnen unterlegen waren. Da die Barbaren aber in ihren Augen keine unmittelbare Bedrohung darstellten war für sie eine Welt ohne Barbaren, nicht unbedingt eine bessere Welt. Es fehlte die analytische Kategorisierung und das Bedrohungspotential als rassistische Legitimation von Gewalt. Daher kann hier eine klare Grenze zwischen kulturellem Chauvinismus und Rassismus gezogen werden, da ersterer nicht zwangsläufig zur Gewaltanwendung führt.


Fremdenfeindlichkeit ist keineswegs mit Rassismus gleichzusetzen, auch wenn oft ein gemeinsames Auftreten von beiden zu beobachten ist. Während Rassismus eine Gewalt legitimierende Ideologie ist, ist die Ablehnung von Fremdem eine stark konservative Werteinstellung, die aber lokal begrenzt bleibt und keinen universalen Anpruch auf Geltung hegt.


Das Problem an der Racial Equality Idee (beispielsweise Rassenquoten in den USA) ist, dass sie Teile des rassistischen Denkkonzepts bestätigt. Die Kategorisierungen, die im Rassismus willkürlich erfolgen (Phänotyp ist nicht gleich Genotyp), werden nicht in Frage gestellt. Sie werden hingegen übernommen, mit dem Versuch sie ins Gegenteil zu verkehren, wodurch die Kategorisierung aber bestätigt wird. Durch die Betonung der Gleichheit der Rassen, wird gleichzeitig die Ungleichheit der Menschen betont (Menschen müssen für die Kategorisierung in unterschiedliche Rassen eingeteilt werden). Die Betonung einer Gleichheit der Menschen würde aber mit anderen vorherrschenden Denkkonzepten in Konflikt kommen.


Rassismus beschränkt sich nicht auf biologische oder genetische Kategorien. Die Kategorisierungen werden vielmehr willkürlich gezogen und biologisch legitimiert. Die menschlichen Eigenschaften, die als Kategorisierungsmerkmale herangezogen werden sind nicht genetisch vorbestimmt.