Historizismus

Falsche Auffassungen über Abläufe in der Geschichte

Historizismus bezeichnet den Gedanken, dass historische Abläufe berechenbar und prognostizierbar sind. Auf der Grundlage von Beobachtungen der Gegenwart und Vergangenheit, werden historische Gesetzmäßigkeiten formuliert (z.B. im Kapitalismus oder Marxismus).
Eine Fortschreibung der Geschichte in die Zukunft ist aber nicht möglich, weil die Geschichte ein dynamischer Prozess ist. Einzelpersonen die Macht erlangen, können den Lauf der Geschichte verändern und diese Akteure sind in der Gegenwart nicht bekannt. Natürlich versuchen gegenwärtige Gruppen und Institutionen, die Macht besitzen, die Geschichte zu bestimmen, ob sie damit Erfolg haben ist allerdings unklar, da sie auf Gegenspieler treffen.
Auch die heutige Art über die Vergangenheit zu denken ist problematisch. Der Nationalismus hat die Welt verändert. Die Vorstellung, dass die Welt immer so geordnet war ist aber falsch. Menschen projizieren einfach die Gegenwart in die Vergangenheit, ungeachtet völlig unterschiedlicher Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen. In der vornationalistischen Zeit gab es keine Grenzen, Völker oder standardisierte Sprachen wie wir sie heute kennen, sondern Herrschafts- und Kulturräume.
Umgekehrt können wir den Nationalismus nicht einfach abschaffen, da er den aktuellen Status Quo unserer Gesellschaftsordnung darstellt. Was vielen nicht bewusst ist, würde eine solche (radikale) Abkehr bedeuten, dass es nicht nur keine Grenzen, sondern auch keine Amtssprache, keine einheitliche Bildung, keinen einheitlichen Staat oder keine nationale Identität (z.B. keine Nationalmannschaft) mehr geben würde. Nicht der Nationalismus hat sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland verändert, sondern die ihm zugrunde liegende Definition von Kultur.


Der Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft und der bevorstehende Übergang in die Informationsgesellschaft brachte bzw. wird das Gesellschaftsgefüge durcheinander bringen. Die historischen Gesetzmäßigkeiten verändern sich dadurch ebenso, wie durch neue Technologien. Das Resultat dieses Prozesses konnte in der Vergangenheit nicht prognostiziert werden und wir können es für die Zukunft auch (noch) nicht vorhersehen.

Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


Prognosen   Chaos, Ordnung und Zufall   Kognitionspsychologie   Denken und Wahrnehmung  


Literatur:

Müller, Michael; Zimmer, Matthias: Zur Ideengeschichte des Fortschritts. Berlin: Deutscher Bundestag, Enquete–Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität. Kommissionsdrucksache 17, 26, 2011.

Popper, Karl R: Das Elend des Historizismus. Mohr Siebeck, 2003.