Macht und Eigenverantwortung

Das Konzept der Eigenverantwortung als Legitimation von Macht

Die Idee der Eigenverantwortlichkeit jedes Menschen basiert auf dem Gedanken, die Welt sei berechenbar und prognostizierbar. Eigenverantwortung setzt jedoch eine Fehlerkultur und ein Umfeld in dem Fehler nur kleine Auswirkungen haben voraus. Außerdem tragen Menschen als soziale Wesen oft eine gemeinsame Verantwortung die stark vom jeweiligen Kontext abhängig ist.
Verantwortung wird von "Stärkeren" gerne an den "Schwächeren" delegiert (seine Fragilität steigert sich dadurch) um ein übergeordnetes, oft fragiles System (Institution, Ideologie ...) am Leben zu erhalten, das den Stärkeren nützt. Die Stärkeren zeichnen sich dadurch aus, dass sie Möglichkeiten zur Kommunikation und Beeinflussung von Knappheit besitzen und diese einsetzen um ihre Antifragilität, auf Kosten der Schwächeren, zu erhöhen. (In Ländern in denen bspw. Wasserknappheit herrscht, bietet Wasser ein Medium zur Knappheitskommunikation, mit der Menschen Macht über andere ausüben können. Die Luft zum atmen lässt sich dagegen nicht verknappen und eignet sich nicht als Medium der Knappheitskommunikation.)
Diese Übertragung von Verantwortlichkeit wird mittels falscher Prognosen als gerecht, naturgegeben und alternativlos dargestellt:

Übergeordnet Prognose Untergeordnet Knappheit Fragilität
*kommunizierte Knappheit (nicht natürlich)
(große) Unternehmen Bedürfnisse (Privat)Kunden / Arbeitnehmer Kundenbedarfe* / Einkommen Armut / wirtschaftlicher Abstieg
Staat Bedrohungspotential Bürger Sicherheit* / Freiheit Überwachungsstaat
Bank Liquidität Bankkunde Geld* / Zeit Finanzkrise
Rasse Dysgenik Individuum "gutes Genmaterial"* / Identität Gewalt

Ein Staat ist ein von Menschen definiertes Konstrukt, in dem dieser die stärkere Rolle im Verhältnis zum untergebenen Bürger einnimmt. Seine Stärke liegt darin dass er die Macht/Freiheit besitzt bestimmte Freiheitsrechte seiner Bürger durch Exekutive und Legislative zu beschränken. Die Prognose, die Übertragungen von Verantwortung an die Bürger legitimiert, ist das Bedrohungspotential, das einzelne Bürger für den Staat oder andere Bürger darstellen. Bedroht wird in diesem Zusammenhang das knappe Gut Sicherheit. Sicherheit ist eine Form von Freiheit (die Freiheit keinen Schädigungen ausgesetzt zu sein). Um das Bedrohungspotential zu beseitigen möchte der Staat die Sicherheit durch die Verknappung anderer Formen von Freiheit, erhöhen. Dabei steigert der Staat seine Antifragilität (jede Bedrohung führt zu gesteigerten Sicherheitsmaßnahmen). Die Fragilität der Bürger wird hingegen erhöht, da die Gefahr der Etablierung eines Überwachungsstaats steigt.

Eigenverantwortung und soziale Systeme

In der Antike wurde Armut als selbstverschuldet angesehen, während im Christentum Ungleichheit als Gottes Wille interpretiert wurde, aber aus Gründen der Nächstenliebe, die Reichen zur Hilfe der Armen verpflichtet wurden. Diese Form der Nächstenliebe schwand aber mit der Zeit und knüpfte Hilfe an Bedingungen, bis hin zur Kriminalisierung von Armut. Entstand zur Zeit der Industrialisierung eine strukturelle Armut, in deren Folge soziale Sicherungsmaßnahmen eingeführt wurden, um einer sozialistischen Revolution vorzubeugen, führte wirtschaftliches Wachstum im 20. Jahrhundert zu steigendem Wohlstand in der Bevölkerung. Zum neuen sozialen Problemfeld wurde Arbeitslosigkeit und das Konzept der Eigenverantwortung rückte im Neoliberalismus erneut in den Fokus, wodurch Armut wieder eine Kriminalisierung erfuhr.
Im Jahre 1994 reformierte Bill Clinton mit dem "Personal Responsibility and Work Opportunity Reconciliation Act" das amerikanische Sozialsystem, das Roosevelt mit dem "New Deal" eingeführt hatte. Bill Clintons Gesetz hatte zum Ziel "(to)end welfare as we know it" und Sozialleistungen zu beschränken, während gleichzeitig die Eigenverantwortung der Sozialhilfeempfänger gestärkt werden sollte. Im politischen Entstehungsprozess des Gesetzes waren wirtschaftliche Eliten, Thinktanks, Intellektuelle und hochrangige Anwälte beteiligt. Es zählten aber nicht nur neoliberale Vereinigungen zu den Befürwortern. Der Pioneer Fund ist eine pseudowissenschaftliche, rassistische Stiftung, die Forschung über Eugenik und Dysgenik unterstützt und maßgeblich für dieses Gesetz warb, da ein Zusammenhang zu seinen Forschungstätigkeiten bestand. In diesem Fall wird deutlich, dass eine Kompatibilität rassistischer Weltanschauungen mit einem ideologisch geprägten Pseudoliberalismus möglich ist, die ihre Definitionen des Freiheitsbegriffs mit der Eigenverantwortung (in diesem Kontext = Aufhebung gesellschaftlicher Verantwortung durch Unterordnung des Individuums) gleichsetzen. Verantwortung kann nämlich leicht als Schuld interpretiert werden, die Menschen als Sündenböcke für zufällige Ereignisse erscheinen lässt. Die Übertragung von Verantwortung bedeutet erst dann mehr Freiheit, wenn keine Autorität Zielsetzungen vorschreibt und den Einfluss des Zufalls leugnet.

Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


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Literatur:

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Quadagno, Jill S: Welfare capitalism and the Social Security Act of 1935. American Sociological Review, S. 632-647, 1984.

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