Die Entstehung "unseres" Weltbilds

"Alles, was wir wahrnehmen, erfahren, spüren, auch die Art, wie wir handeln, ist über sozial konstruiertes, typisiertes, in unterschiedlichen Graden als legitim anerkanntes und objektiviertes Wissen vermittelt. Dieses Wissen ist nicht auf ein 'angeborenes' kognitives Kategoriensystem rückführbar, sondern auf gesellschaftlich hergestellte symbolische Systeme. Solche symbolischen Ordnungen werden überwiegend in Diskursen gesellschaftlich produziert, legitimiert, kommuniziert und transformiert; sie haben gesellschaftlich-materiale Voraussetzungen und Folgen."
Reiner Keller (Wissenssoziologische Diskursanalyse; VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2001, S. 1)

Mensch, Natur und die Entstehung moderner Ideologien

Die Ideen der antiken Philosophen hatten großen Einfluss auf das Weltbild der Menschen und wirken bis in unsere heutige Zeit fort. Ein wichtiger Grundgedanke war die Teilung zwischen menschlicher Seele und menschlichem Körper. Dieser Dualismus zwischen Geist und Körper spiegelte sich auch in der Wahrnehmung von Anderen wider. Den Hellenen oder Römern standen die Barbaren entgegen, während später im Mittelalter Christen und Heiden diesen Gegensatz bildeten. Auch die Betrachtung der Natur basierte auf diesem Prinzip. Sie wurde als göttlich gegebene Ordnung aufgefasst. Die Menschen in der Antike und im Mittelalter hatten in dem Sinne kein Weltbild, wie wir es heutzutage kennen. Die göttliche Ordnung ließ es nicht zu bzw. machte es unnötig ein Bild von der Welt als Erklärungsmuster abzuleiten. Ihre Weltanschauung war eng mit Religion und Metaphysik verbunden.


Im Zuge der Renaissance und Aufklärung änderte sich diese Weltanschauung.
Der Mensch wurde nun zu einem rationalen Subjekt, das in die vormals als geordnet, gottgegeben und unveränderlich betrachtete Natur, eingreifen konnte, um sie unter Berücksichtigung von naturgegebenen Regeln neu zu gestalten.

Diese Entmystifizierung und Objektivierung der Natur schlug sich auch auf die Wahrnehmung anderer Völker nieder. Der Dualismus verschwand und wich einem universalistischen Menschenbild. So wurden aus den Heiden oder Wilden in Übersee Naturvölker, die als eine Vorstufe der entwickelten, europäischen Gesellschaften galten. Darin äußerte sich ein Fortschrittsglaube, der eine kontinuierliche positive Entwicklung der menschlichen Gesellschaft voraussagte. Industrialisierung, gepaart mit Durchbrüchen in Wissenschaft und Forschung, bestätigten diesen Glauben und veränderten die Struktur westlicher Gesellschaften.


Ein Gedanke, der diese Sicht auf die Welt nachhaltig verändern sollte, kam mit der Evolutionstheorie auf.


Eine der Kernaussagen der Darwin’schen Evolutionstheorie, dass im Zeitverlauf die am besten angepassten Arten überleben, kann leicht missverstanden werden.
Die Umweltbedingungen verändern sich ständig. Arten die bestimme Merkmale ausgeprägt haben überleben und andere nicht. Die überlebenden Arten wussten aber nicht inwieweit sich die Umweltbedingungen verändern würden und wie sie sich diesen anpassen könnten. Durch die ständigen Veränderungen sind die, die am besten an ihr Umfeld angepasst sind nicht zu jedem Zeitpunkt die am besten geeignetsten sondern nur im Durchschnitt. D.h. dass die im Durchschnitt am besten angepasste Art aussterben kann, falls es zu extremen Umweltveränderungen kommt. Von einer aktiven Anpassung kann daher nicht die Rede sein. Die überlebenden Arten hatten einfach nur Glück. Dieses Zufallsprinzip passte aber nicht in die damalige Vorstellung, da der Wunsch vorhanden war die Natur durch berechenbare Regeln und Gesetze kontrollieren zu können.

Dies hatte weitreichende Konsequenzen, da Arten und Rassen nicht mehr als konstante Gebilde wahrgenommen werden konnten, sondern als durch einen gegenseitigen Wettkampf sich verändernde Einheiten, die untereinander verwandt sind und diese Veränderung nicht für jede Art fortschrittlich verläuft, sondern zum Aussterben einer Art oder Rasse führen kann.
Diese neue Dynamik die damit einherging stellte ein Bedrohungspotential dar, das zusammen mit einer zunehmenden Biologisierung der Gesellschaft und der Geschichte, massiv den wissenschaftlichen Diskurs bestimmte. Spätestens seit Arthur de Gobineaus Theorie "Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen", wurde die Idee des Rassenkampfes in der westlichen Welt sehr beliebt. Diese Denkweise beschränkte sich allerdings nicht nur auf den Begriff der Rasse, sondern wurde auf alle gesellschaftlichen Konflikte bezogen (Klassenkampf, Wettkampf der Nationen um Kolonien, Soziologie, etc.).

Diese Vorgehensweise reflektiert die Anschlussfähigkeit einzelner Ideologien wie des Rassismus oder Nationalismus, die sich aus ihren Gemeinsamkeiten ergibt. Sie alle vereint der Glaube an Ordnungen, die universell für die gesamte Menschheit gelten. Die Kategorisierung von Menschen innerhalb dieser Ordnungen ist variabel, willkürlich gewählt und hängt mit der Knappheit von Identitätsressourcen in der Gesellschaft zusammen. Dies erlaubt jedem diese Ideologien zu vermischen und für seine aktuellen Bedürfnisse auszulegen. Verstöße gegen diese Ordnungen gelten als ungerecht und unmoralisch und legitimieren jegliche Aktion zur Wiederherstellung der vorgestellten, idealen Gesellschaft.

Die aktuelle Ordnung

Die Fehlinterpretation der Darwin’schen Evolutionstheorie, durch die Ignoranz des Zufalls, führte zum Glauben an einen Determinismus, der als Naturgesetz wahrgenommen wurde und wie folgt zusammengefasst werden kann:

Der Wettbewerb, von Menschen bzw. Menschengruppen, der falls nicht durch natürliche Knappheit hervorgerufen, durch künstliche Verknappung begründet wird, ist eine Notwendigkeit um eine fortschrittliche Zielvision zu erreichen bzw. das Überleben der Gemeinschaft zu sichern.

Dabei sind die zu Grunde liegenden Begriffe austauschbar; statt auf Rasse oder Klasse wird heute auf die Kultur oder die Sicherung unserer Freiheit verwiesen. Die Zielvision verschmilzt mit der Sicherung des Erreichten zu einem berechenbaren Erwartungshorizont der durch das Zusammenspiel von Wachstum und Wettbewerb erreicht werden kann.


Während in der Vormoderne die Erfahrungen der Menschen ihre Erwartungen prägten, ist in unserer heutigen Zeit das Gegenteil zu beobachten. An die Stelle von Ideen die sich zeitlich entwickeln treten Wirklichkeiten die sich räumlich ausbreiten.
Moderne Formen universalistischer Prognosen, wie Francis Fukuyamas These, der "Sieg über den Sozialismus" markiere das "Ende der Geschichte" bilden die aktuelle Ordnung, die eine räumliche Ausbreitung westlicher Ideale prophezeit.
Dies äußert sich in einer zunehmenden Quantifizierung der Gesellschaft deren Instrument, die wirtschaftswissenschaftliche Statistik, als Äquivalenz zum Labor der Naturwissenschaften fungiert. Statistische Daten geben Auskunft über zukünftige Entwicklungen und leiten Handlungsmaximen ab. So wird der Demographiewandel als Fakt angenommen, nach dem unsere Gegenwart der erwarteten Zukunft angepasst werden muss.

Derlei Prophezeiungen widersprechen dem aktuellen Stand der Wissenschaft, da die Chaostheorie keine langfristigen, wissenschaftlichen Prognosen für dynamische Systeme zulässt. Doch trotzdem fallen Menschen auf ihre Intuition herein und glauben an diese Narrative, die von der Kognitionspsychologie bereits als kognitive Verzerrungen entlarvt wurden. Ihre sprachliche Verankerung in unserer Gesellschaft blendet völlig aus, dass die Wirtschaft selbst ein historisch gewachsenes, soziales Konstrukt ist und keine naturgegebene Ordnung darstellt. Die Funktion der Wirtschaft ist dabei die Kommunikation von Knappheit, während sie gleichzeitig die Lösung des Knappheitsproblems propagiert. Framesemantiken machen aber nicht vor Disziplinen halt, sondern sind mit allen Lebensbereichen verknüpft. So überträgt sich das Denkmuster der ökonomischen Lebenswirklichkeit von Menschen auf ihren Identifikations- und Zugehörigkeitsprozess, mit allen dazugehörigen Konsequenzen.


Der bisherige Lauf der Geschichte war weder notwendig noch alternativlos. Er konnte sich so entwickeln weil einige Bedingungen durch Faktoren wie dem Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft entstanden sind. Nun müssen wir uns die Frage stellen welche Bedingungen der Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft für uns bereitstellt und wie dieser Übergang am besten zu meistern ist.


Literatur:

Baecker, Dirk: Wirtschaftssoziologie; transcript Verlag, 2015.

Fukuyama, Francis: The end of history? The national interest 16, S. 3-18, 1989.

Geulen, Christian: Geschichte des Rassismus. C.H. Beck, 2007.

Geulen, Christian: Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts. Zeithistorische Forschungen 7.1, 2010.

Speich Chassé, Daniel: Was zählt der Preis? Dogmengeschichte und Wissensgeschichte der Ökonomie. Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 37.2, S. 132-147, 2014.

Taylor, Charles: Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Frankfurt/M., Suhrkamp, 1994.

Wuketits, Franz M: Was Darwin wirklich (nicht) sagte. Darwin und der Darwinismus. CH Beck, 2005.