Denken und Wahrnehmung

Wie unser Denksystem funktioniert

Unser Denken wird von zwei Systemen gesteuert. System 1 wird mit Intuition assoziiert und System 2 wird mit rationalem Denken in Verbindung gebracht.

System 1

System 1 arbeitet mit Verfügbarkeitsheuristiken. Hand Stellt sich ein zu lösendes Problem ein, werden im Gedächtnis gespeicherte Faustregeln abgerufen, die Problemen aus der Vergangenheit ähneln. Dies ermöglicht schnelles Denken, ist intuitiv, praktisch und effizient, macht uns allerdings leichtgläubig. Es liegt meist richtig, führt jedoch in einigen Fällen zu kognitiven Verzerrungen, da es die zu beantwortende Fragestellung vereinfacht, blind gegenüber Logik und Statistik (z.B. bedingte Wahrscheinlichkeiten) ist und nicht abgeschaltet werden kann.

Beispiel 1:
Für die Besetzung einer Führungsposition stehen die drei Kandidaten Herr Maier, Herr Müller und Herr Schmidt zur Auswahl. Nach den ersten beiden Vorstellungsgesprächen erwies sich Herr Müller als geeigneterer Kandidat als Herr Maier. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Herr Müller (vor dem Gespräch mit Herr Schmidt) der geeignetste Kandidat von den Dreien ist?


Die Wahrscheinlichkeit liegt bei ⅔.
Spontan würden an dieser Stelle viele 50% als Wahrscheinlichkeit nennen, da ja nur zwei Kandidaten übrig sind und es nicht bekannt ist, wer von beiden der Bessere ist. Allerdings bezog sich die Fragestellung auf drei Kandidaten und die Information, dass Herr Müller geeigneter als Herr Maier ist, fällt ins Gewicht. Aus diesem Grund fallen sämtliche Optionen Maier vor Müller weg z.B. 1.Schmidt 2.Maier 3.Müller. Die Option Herr Schmidt hinter Herr Maier ist aber noch möglich.

Beispiel 2:
Tom wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% Julia besuchen. Julia bleibt mit einer Wahrscheinlichkeit von 30% zuhause. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Tom Julia zuhause antrifft, wenn er sie besuchen geht?

Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 30%.
Multipliziert man die Wahrscheinlichkeiten P(Tom)=0,5 und P(Julia)=0,3 erhält man die Wahrscheinlichkeit für das Ereignis "Tom kommt und Julia bleibt" = 15%. Gefragt war allerdings die Wahrscheinlichkeit unter der Bedingung "Tom kommt definitiv", die P(Julia/Tom)= 30% beträgt.

System 2

System 2 beschreibt langsames Denken und wird bei komplizierten Aufgabenstellungen aktiviert. Es benötigt Aufmerksamkeit und Anstrengung. Da unsere mentale Energie beschränkt ist, tritt System 2 nur in Aktion wenn es benötigt wird und ist in dem Sinne "faul". Selbst bei komplizierten Aufgaben greift System 2 auf System 1 zurück um Energie und Aufwand zu sparen. Bevor es die auf Wiederholung oder Vertrautheit basierenden "Vorschläge" von System 1 in Gedanken und Handlungen umsetzt, hat System 2 die Aufgabe System 1 zu überwachen und zu kontrollieren. Wenn nicht genug Energie für diese Kontrollfunktion aufgewandt wird, kann die von System 1 vorgeschlagene Schlussfolgerung für wahr gehalten werden, um anschließend nur nach Argumenten zu suchen, die diese These untermauern.
Erkenntnisse aus der Hirnforschung deuten darauf hin, dass die Hirnregion für rationales Denken, mit der Region verbunden ist, die für Emotionen zuständig ist. Auch geht die Theorie der "embodied cognition" davon aus, dass bestimmte Hinweisreize, wie Wörter oder Gerüche, im Kopf mental simuliert und dabei automatisch entsprechende (erlernte) Aktionen/Bewegungen geplant werden. Daher kann nicht davon ausgegangen werden, dass Rationalität strikt von persönlichen Emotionen und Erfahrungen trennbar ist.

Assoziationsmaschine

Wahrnehmung von Fairness

Die kognitiven Verzerrungen von Verfügbarkeitsheuristiken haben einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung von Gerechtigkeit. Menschen sind anfällig für die Manipulation ihres Gerechtigkeitsgefühls. Durch die begrenzte menschliche Aufmerksamkeitsfähigkeit kann Empörung durch Auslassen und einseitige Betonung von Information gelenkt werden. Die Nicht-Erwähnung, falsche Interpretation oder Überbewertung von Informationen führt zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität des Informationsempfängers, der diese Wahrnehmung in eine Empörung über Ungerechtigkeit überführt.
Eine weitere Konsequenz der kognitiven Verzerrung ist die Begünstigung von Vorurteilen. Vorurteile werden aufgebaut da Verfügbarkeitsheuristiken durch häufige Wiederholung von "Tatsachen" entstehen (Salient Exemplar Effect). Diese "Tatsachen" entstehen durch die häufige Beobachtung ähnlicher Phänomene mit/oder der Kommunikation dieser "Tatsachen" durch Vertraute (Bekannte, Verwandte, Medien), unterstützt vom Glauben dass Ähnliches, immer Ähnliches bewirkt.
Außerdem werden oft bedingte Wahrscheinlichkeiten mit Bedingungslosen verwechselt. Viele in der Öffentlichkeit kommunizierten Wahrscheinlichkeiten und Prognosen gelten nur unter teils sehr spezifischen Bedingungen, was von den Kommentatoren allerdings meist unerwähnt bleibt. Hierzu zählen wirtschaftliche Prognosen, politische Einschätzungen oder auch manche medizinische Studien.


Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


Kognitionspsychologie   Psychologie der Macht   Neurowissenschaft   Massenmedien  


Literatur:

Barsalou, Lawrence W: Grounded cognition. Annu. Rev. Psychol. 59, S. 617-645, 2008.

Damasio, Antonio R: Descartes' Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Ullstein eBooks, 2014.

Kahneman, Daniel: Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag, 2012.


Bildquelle: pixabay.com veröffentlicht unter der Creative Commons CC0 Lizenz.