Psychologie der Macht

Wie wirkt sich Macht auf Menschen aus?

Macht wird oft mit Wahnsinn in Verbindung gebracht. Hitler, Stalin oder Mao stehen sinnbildlich für Menschen, die ihre Macht ausnutzen und über Millionen von Leichen gehen. Sie können im medizinischen Sinne aber nicht als "wahnsinnig" bezeichnet werden. Um zu verstehen wie Macht auf Menschen wirkt, wie sie ihr Denken und Handeln verändert, müssen zwei besondere Formen des Denkens beleuchtet werden.

Präfaktisches Denken - Kontrafaktisches Denken

Kontrafaktisches Denken (KD) beschreibt Fragestellungen die sich Menschen über die Vergangenheit stellen:
Was wäre passiert wenn X eingetroffen wäre? Hätte ich T verhindern können, wenn ich V getan hätte?
Es bezieht sich auf bereits erfolgte Geschehnisse und wird im Konditional geäußert.
Präfaktisches Denken (PD) setzt sich hingegen mit der Zukunft auseinander, mit Fragestellungen zu möglichen, zukünftigen Ursache-Wirkungsbeziehungen:
Was passiert wenn ich X mache und nicht Y? Wie wird Person Z reagieren wenn ich ihr Q vorschlage?
Es beschreibt die Fähigkeit der Antizipation, das richtige Verhalten für ein gewünschtes Ziel zu erkennen.
KD erfolgt immer nach einer Handlung. Es kann zur Analyse und Suche nach Ursachen des Problems benutzt werden und kann zur Schuldzuweisung und Identifizierung von Sündenböcken führen. PD findet vor einer Handlung statt. KD interagiert mit PD, das eine mentale Simulation über die mögliche Zukunft auslöst. Diese hat die eigentlichen Intentionen der Person als Ergebnis. Emotionen wie Angst oder Mitleid spielen dabei, über das Priming, eine wichtige Rolle für die Interpretation des KD und können situativ verschieden sein.
Eine mögliche Kombination von PD und KD sieht wie folgt aus:
Wenn B nicht eingetroffen wäre hätten wir nicht verloren, also müssen wir B verhindern, damit wir nächstes Mal gewinnen.

Auswirkungen von Macht

Macht führt zu übersteigertem Selbstbewusstsein und dem Glauben an die Unfehlbarkeit des eigenen Urteils, durch die Konstruktion von entsprechenden Narrativen. Menschen mit Macht zeichnen sich durch eine höhere Zielstrebigkeit im Vergleich zu Menschen mit geringer Macht aus. PD findet bei ihnen daher meist nur statt wenn ein Vorteil für ihre Zielsetzung ersichtlich ist. Dadurch sind Menschen mit Macht weniger (selbst-)kritisch und anfällig für kognitive Verzerrungen. Um Zeit zu sparen greifen sie bei der Entscheidungsfindung verstärkt auf Heuristiken zurück und nehmen Hindernisse eher nicht als solche wahr, wodurch PD zur Umgehung dieser Hindernisse bei ihnen seltener vorkommt. In manchen Fällen wirkt PD nämlich als Barriere für riskante und gefährliche Aktionen.
Letztendlich entscheiden situative Rahmenbedingungen und persönliche Eigenschaften mit, welchen Einfluss Macht auf Verhalten und Entscheidungen einer Person ausübt, z.B. einen etwaigen Machtmissbrauch.


Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


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Literatur:

Byrne, Ruth MJ; Egan, Suzanne M: Counterfactual and prefactual conditionals. Canadian Journal of Experimental Psychology/Revue canadienne de psychologie expérimentale 58.2, 113, 2004.

Epstude, Kai; Scholl, Annika; Roese, Neal J: Prefactual thoughts: Mental simulations about what might happen. Review of General Psychology, 20, S. 48-56, 2016.

Fiske, Susan T: Controlling other people: The impact of power on stereotyping. American Psychologist, 48, S. 621–628, 1993.

Paschen, Michael; Dihsmaier, Erich: Führung, Störungen und Probleme der Mächtigen – Für welche psychologischen Fehlentwicklungen Führungskräfte besonders anfällig sind. Psychologie der Menschenführung. Springer Berlin Heidelberg, S. 205-220, 2014.

Scholl, Annika; Sassenberg, Kai: Better know when (not) to think twice how social power impacts prefactual thought. Personality and Social Psychology Bulletin 41.2, S. 159-170, 2015.

Machtmissbrauch oder Solidarität?