Massenmedien und Öffentliche Meinung

Walter Lippmann gilt als einer der einflussreichsten Journalisten des letzten Jahrhunderts. Er befasste sich mit der Ausgestaltung eines demokratischen Journalismus innerhalb einer industrialisierten Massengesellschaft. Nach anfänglichem Optimismus gelangte er zur Ansicht, dass die Masse nicht in der Lage wäre qualifizierte politische Entscheidungen zu treffen, da sie leicht zu manipulieren sei.

Walter Lippmann
1914
Nach seinem Verständnis sind politische Entscheidungen in einer repräsentativen Demokratie von einer kleinen Elite zu treffen, während der Rest der Gesellschaft seinen beruflichen Aufgaben nachgehen kann. Den Grund für das politische Unvermögen der breiten Masse sah er vor allem im Zeitmangel sich mit politischen Themen zu befassen, resultierend aus der notwendigen Beschäftigungsspezialisierung in der Industriegesellschaft. Aufgabe eines Journalisten sei es nun, eine Vermittlerrolle zwischen politischer Elite und Massengesellschaft einzunehmen, um die gewünschte, für die Erreichung politischer Ziele notwendige Öffentliche Meinung zu formen. Später distanzierte sich Lippmann von der Idee, eine kleine Elite besitze die alleinige Kompetenz politische Entscheidungen zu treffen, was allerdings kaum Gehör fand.

Medienkritik in Deutschland

In Deutschland ist eine Vertrauenskrise der etablierten Medien zu beobachten. Viele Bürger fühlen sich nicht richtig informiert und wandern zu alternatiiven Medien ab. 2 ehemalige NDR-Mitarbeiter legten Programmbeschwerde ein, weil einige Beiträge die nötige Objektivität vermissen ließen. Grund hierfür sind tendenziöse Berichterstattungen zu bestimmten Themen. Ob Eurokrise, Ukraine- oder Syrien-Konflikt, die deutschen Medien berichten in vielen Fällen einseitig. Trotzdem sind viele gute Beiträge in den etablierten Medien zu finden. Das Problem liegt eher darin, dass diese schnell in Vergessenheit geraten. Andere Beiträge die viel Aufmerksamkeit erregen bedienen Vorurteile, sind teils oberflächlich, schlecht recherchiert und schüren Ängste in der Bevölkerung, bleiben aber gerade deswegen im Gedächtnis hängen. Begriffe wie "Wettbewerbsfähigkeit","alternativlos" oder "westliche Werte" werden ständig wiederholt und schaffen Wirklichkeiten, die nicht hinterfragt werden dürfen. Dies erregt die Gemüter einiger Medienkonsumenten, die ihren Frust undifferenziert in sozialen Medien auslassen und dabei die gleichen Fehler wie die von ihnen kritisierten Journalisten begehen.

Sozioökonomische Hintergründe

Die Soziologie unterteilt unsere Gesellschaft in Funktionssysteme. Neben der Politik oder Wirtschaft, stellen Massenmedien ein derartiges System dar. Die Funktion von Massenmedien ist demnach die Reproduktion von Kommunikation. D.h. bestimmte Nachrichten oder Sachverhalte werden systembedingt ständig wiederholt. Was reproduziert wird, entscheidet sich anhand des Themas, das als informativ oder nicht-informativ wahrgenommen wird. Wie es reproduziert wird, beruht meist auf der wahrgenommenen Qualität von Quellen. Nun stellt sich die Frage von welchen Einflussfaktoren die Wahrnehmung des Informationsgehalts eines Themas und der Glaubwürdigkeit von Quellen abhängen.
Uwe Krüger hat in seiner Studie nachgewiesen, dass deutsche Journalisten in Netzwerken mit Politik und Wirtschaft eingebettet sind, die ihre Wahrnehmung oder Interpretation von Themen bewusst oder auch unbewusst beeinflussen. Eine Reihe von Alpha-Journalisten hatte zu sicherheitspolitischen Themen mehrmals eine ähnliche Meinung vertreten. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass Journnalisten von außen gesteuert werden. Eine Erklärung kann ihr Umfeld bieten. Ein Journalist kann im Normalfall nur Karriere machen (wie in vielen anderen Unternehmen auch), wenn er sich seinem Umfeld anpasst. Abweichende und kritische Meinungen im Vergleich zur Chefredaktion sind ein Karrierehindernis und können die eigene Arbeitsstelle gefährden. Medienunternehmen stehen unter großem ökonomischen Druck. Es werden in vielen Bereichen Kosten eingespart. Investigativer Journalismus ist aber sehr zeitaufwendig und teuer und Journalisten bleibt kaum Zeit für Recherche und Reflektion. Vielmehr verlassen sie sich in erster Linie auf die Meldungen der 3 großen, internationalen Nachrichtenagenturen AP (New York), AFP (Paris), Reuters (London), sowie der deutschen DPA (Berlin). Dies verleiht diesen Agenturen eine gewisse Macht und zieht Versuche nach sich, sie zu beeinflussen. Massenmedien lügen nicht, da sie die Wahrheit in einer komplexen Welt gar nicht kennen. Ihre Funktion liegt auch nicht primär darin die Wahrheit zu kommunizieren, sondern ihre "Wahrheit" zu reproduzieren.


Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


Politisch-Militärisch-Industrieller-Komplex   Kognitionspsychologie   Denken und Wahrnehmung  


Literatur:

Baumann, Daniel; Hebel, Stephan: Gute-Macht-Geschichten: Politische Propaganda und wie wir sie durchschauen können; Westend, 2016.

Carey, James W.: The Press and the Public Discourse; The Center Magazine 20, 1987.

Chomsky, Noam; Herman, Edward S.: Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media; Pantheon, New York 1988.

Krüger, Uwe: Mainstream: Warum wir den Medien nicht mehr trauen; C.H.Beck, 2016.

Krüger, Uwe: Netzwerke zwischen JournalistInnen, PolitikerInnen und Militärs und die Rolle deutscher Leitmedien im Sicherheitsdiskurs. 2014.

Lippmann, Walter: Public Opinion; Allen & Unwin, London 1922.

Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien; VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1995.

Müller, Albrecht: Vertrauenskrise der Medien – Die Kritik an den Medien ist unberechtigt? Alles in Ordnung??; NachDenkSeiten, 2015.

Schudson, Michael: The "Lippmann-Dewey Debate" and the Invention of Walter Lippmann as an Anti-Democrat 1985-1996; International Journal of Communication 2, 2008.

Swiss Propaganda Research: Der Propaganda-Multiplikator: Wie globale Nachrichtenagenturen und westliche Medien über Geopolitik berichten. 2016.