Dynamik

Was zeichnet dynamische Systeme aus?

Dynamische Systeme sind nichtlinear. Ihr Zustand ist nicht nur von aktuellen Systemeinflussgrößen, sondern auch von deren Veränderungen abhängig (die Veränderung einer Funktion(Größe) f(x) wird mathematisch von ihrer Ableitung beschrieben: f'(x)). Die mathematische Beschreibung des Systemzustands ergibt Differentialgleichungen, wie z.B.:

y + 2y' - y'' = 0

Ihre Lösung ist zum Teil sehr aufwendig, wobei nicht jede Differentialgleichung lösbar ist. Komplexere dynamische Systeme, zu denen auch die Wirtschaft gehört, entziehen sich damit einer mathematischen Analyse.


Denkkonzepte wie Marktgleichgewicht oder genetische Bestimmung sind statisch und eignen sich nicht dynamische Systeme zu beschreiben. Knappheit, als relative Größe, oder Antifragilität, die Asymmetrien ausnutzt, helfen das Wesen dynamischer Systeme weitaus besser zu verstehen. Phänomene die in komplexen Systemen vorzufinden sind zeichnen sich durch unvorhersehbare Veränderung und temporäre Verfestigung aus. Welche Konzepte können für unser Verständnis komplexer Systeme dienlich sein, die sich auch mit der Alltagserfahrung von Menschen decken?

Rollen

Ein Mensch kann zeitgleich mehrere Rollen einnehmen. Seine Rollen sind von seiner Umwelt und dem aktuellen Kontext abhängig. Im Rahmen der rivalisierenden Imitation vollzieht sich in Gesellschaften ein Konkurrenzkampf um knappe Rollen. Das Rollenkonzept erlaubt die dynamische Zuschreibung und den Verlust von Rollen und bricht, auf starre Denkmuster basierende, vermeintliche Widersprüche auf.

Gewohnheit

Werden Geschenke an eine Person oder Gruppe wiederholt, werden diese zur Gewohnheit und ein Gewohnheitsrecht entsteht. Dies bedeutet, der Beschenkte erwartet dass die Geschenke in Zukunft fortgeführt werden. Aus diesem Gewohnheitsrecht entstehen Hierarchien, da der Beschenkte über den Schenkern stehen muss, ansonsten würde er ja nicht beschenkt werden. Gesellschaftliche Systeme wie Dynastien oder Kastenwesen basieren auf diesem Prinzip des Gewohnheitsrechts. Ein König begründet seine Legitimität damit, dass seine Vorfahren auch Könige waren. Hierarchische Systeme verleihen Menschen oder Menschengruppen Autorität, mit deren Hilfe andere Menschen beeinflusst werden. Innerhalb dieser Hierarchien werden die Identitäten von Individuen geformt. Und zwar im Rahmen der gesellschaftlich vorherrschenden Ordnungen.

Unterschiede zwischen sozialen und technischen Systemen

Technische Systeme können temporär oder zum Teil von ihrer Umgebung entkoppelt werden, um äußere Einflüsse auf die Funktionalität des Systems zu minimieren. Technische Anwendungen sind relativ gesehen nicht so komplex wie soziale Verbünde. Sie sind wesentlich kleiner und können exakt reproduziert werden. Dies erlaubt die Planung und gezielte Weiterentwicklung technischer Systeme, für die mittels eines zeitlichen Abgleich ihrer Zustände eine Standardisierung möglich ist.
Bei der Reproduktion sozialer Systeme entstehen jedes Mal unterschiedlich starke Abweichungen. Die Zustände sozialer Systeme können nicht miteinander verglichen werden, da sich bei ihrer Reproduktion zwangsläufig Änderungen ergeben.


Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


Prognosen   Chaos, Ordnung und Zufall   Identifikation und Zugehörigkeit  


Literatur:

Graeber, David: Schulden: die ersten 5000 Jahre. Klett-Cotta, 2012.