Über Identifikation und Zugehörigkeit

Gesellschaftlicher Wandel und Flexibilitätserfordernisse

Wenn man heutzutage jemand fremdem begegnet sind zwei der Fragen die für gewöhnlich gestellt werden: "Woher kommst du?" und "Was machst du?". Niemand würde auf die Idee kommen zu fragen: "Wer bist du?". Diese Frage wäre eher in der Antike und im Mittelalter denkbar, da zu jener Zeit die Rollen fest verteilt waren. Es gab eine göttliche Ordnung und der König war der König und blieb es in der Regel bis zu seinem Lebensende. Gleiches galt für den Bauern, Schmied oder Gelehrten. In der Moderne wird hingegen nach der aktuellen beruflichen Situation gefragt, "Was machst du (momentan)?", da der berufliche Stand durch die Flexibilitätsanforderungen der Industrialisierung variabel geworden ist. Da diese Rolle in der Gesellschaft unsicher geworden ist und sie einen der wichtigsten Bestandteile der menschlichen Identität darstellt, müssen alternative Quellen der Identität gefunden werden.

Identität und Konsum

Im Prozess der rivalisierenden Imitation imitieren Menschen andere Personen um ein Gefühl der Zugehörigkeit zu erlangen. Gleichzeitig streben sie nach der Herausbildung ihrer eigenen Identität. Sie wollen sich abgrenzen, im Rahmen der Zugehörigkeitsgrenzen als Individuum oder Gruppe anders sein. Durch die Kommunikation von Knappheit bietet die Wirtschaft diesen Menschen den Konsum von (knappen) Markenprodukten an, durch die sich die Abgrenzung und Identitätsbildung verwirklichen lässt.

Identität und Religion

Auch in modernen Zeiten bleibt Religion eine wichtige Identitätsressource. Menschen haben ein spirituelles Bedürfnis, das Religionen am besten befriedigen können. Kulturkatholiken bspw. glauben nicht an Gott, sehen sich selbst aber als Katholiken. Das ist kein Widerspruch, weil spirituelle Bedürfnisse nicht nur mit dem Glauben von Menschen eng verbunden sind, sondern auch mit ihrer Kultur. Viele Kulturen sehen daher eine Nähe zur vorherrschenden Religion in ihrer Region.

Identität und Herkunft

Die einzige Konstante die Menschen in der vom Wandel geprägten modernen Welt besitzen ist ihre Herkunft. Dabei kann es sich um einen lokales Gebiet, eine Heimatstadt, eine Sprachfamilie oder eine Religion handeln. Um gleichzeitig ihr Zugehörigkeitsbedürfnis zu befriedigen werden Menschen nach anderen Menschen mit ähnlicher Herkunft suchen, um mit ihnen eine Gruppe zu bilden und Identität mit Zugehörigkeit in Einklang zu bringen, z.B. in Form einer gemeinsamen Nation. Die patriotischen Gefühle die Menschen im Nationalismus empfinden, sind vergleichbar zu der Liebe die sie ihren Familien entgegenbringen. Die Zugehörigkeit zu dieser Nation wird nicht als selbst gewählt angesehen und kann daher keinen persönlichen Interessen dienen, sie ist rein.


Dass die Herausbildung der Nationen ein sowohl variabler, als auch konfliktbeladener Prozess ist liegt auf der Hand, da gerade in Krisenzeiten die Identitätsressourcen der beruflichen Rollen knapp werden. Als Alternative kann die Herkunft dienen. Da das Identitätsgefühl relativ zur Umwelt wahrgenommen wird, werden Menschen versuchen durch Erniedrigung fremder und Überhöhung der eigenen Herkunft, ihre Knappheit an Identität zu vermindern. Dies erklärt warum Menschen in der Vergangenheit bereit waren ihr Leben zu riskieren und andere Menschen umzubringen nur um klarzustellen ob sie von Christen oder Muslimen abstammten, obwohl sie selber gar nicht religiös waren.


Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


Integration versus Assimilation   Chaos, Ordnung und Zufall   Nationalismus   Rassismus  


Literatur:

Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Campus-Verlag, 2005.

Harrison, Simon: Identity as a scarce resource. Social Anthropology 7.3, S. 239-251, 1999.

Lunt, Peter Kenneth; Livingstone, Sonia: Mass consumption and personal identity: Everyday economic experience. Open University Press, 1992.

Identität
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