Islamismus

Ausprägungen, Ursachen, Denkmuster

"Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden."
Tilman Seidensticker, S. 9.
Der islamistische Organisationsaufbau orientiert sich dabei an westlichen Vorbildern. Die meisten islamistischen Denker genossen eine weltliche Ausbildung und haben sich erst im Verlauf ihres Lebens radikalisiert und den Islam als einzige Lösung für die Probleme ihrer Länder angesehen. Dabei begründen viele Islamisten keine buchstabengetreue Auslegung des Korans, sondern konzentrieren sich auf die Auswahl von spezifischen Passagen. Viele Islamisten sehen das Wachstum und die Zersplitterung der islamischen Welt als Grund für ihren Niedergang an und distanzieren sich gegenüber der islamischen Tradition. Dass islamistische Ideen totalitäre Züge aufweisen hängt mit ihrem Entstehungszeitpunkt zusammen, da zeitgleich in Europa der Totalitarismus seine Blütezeit hatte. Der Islam wird als Grundlage für das komplette individuelle, gesellschaftliche und staatliche Leben propagiert. Islamismus dient auch der Sicherung der Herrschaft und lehnt menschengemachte Gesetze ab, da diese in Konflikt zu Gottes Gesetzen kommen könnten.

Moderne islamische Strömungen

Neben den Säkularisten, die eine strikte Trennung von Staat und Religion fordern, haben sich drei islamische Strömungen herausgebildet. Der Traditionalismus sieht die religiöse Tradition positiv. Die westlichen Einflüsse auf die islamischen Länder werden hingegen negativ betrachtet und für die Probleme in der islamischen Welt verantwortlich gemacht. Ein wichtiger Vertreter dieser Strömung ist der Azhar Gelehrtenstand in Kairo. Im Reformismus werden aktuelle Missstände durch Fehlentwicklungen in einem bereits frühen Stadium der islamischen Geschichte erklärt. Vor allem der Einfluss fremder Kulturen, wie der griechischen Philosophie, und die Zusammenarbeit islamischer Gelehrter mit Diktatoren werden kritisch gesehen. Die Reformisten sehen die einzige Lösung in einer Reform des Islams, durch die strikte Orientierung an die Zeit Mohammeds und der ersten 4 Kalifen. Ein Großteil der Islamisten gehört zu den Reformisten. Schließlich steht der Modernismus westlichen Einflüssen positiv gegenüber. Die aktuellen Probleme sehen Modernisten eher einer Fehlinterpretation des Islams geschuldet.

Ursachen

Die Gründe für die Entstehung des Islamismus sind vielfältig, ein wichtiger Aspekt ist allerdings die historische Erfahrung islamischer Länder mit dem europäischen Kolonialismus. Viele muslimische Länder mussten militärische Niederlagen gegen die Kolonialmächte erleiden. In der Folge entwickelte sich der Wunsch der Aneignung von überlegener, westlicher Militärtechnologie durch die Zusammenarbeit mit westlichen Beratern. Durch den Kontakt mit dem Westen fanden westliche Ideen bei der Elite Anklang, wovon das einfache Volk aber ausgeschlossen blieb. Die Konzentration auf das Militär führte zur Vernachlässigung der Wirtschaft und der Anhäufung von Schulden, die letztendlich für den Ausverkauf des Landes an westliche Mächte sorgten.
Der Erfolg der islamistischen Bewegungen in den letzten Jahren ist zum einen auf die erfolgreiche Durchführung von Terroranschlägen und die dadurch gewonnene Aufmerksamkeit, die den Mythos des Märtyrertums bedienen, geschuldet, aber auch den westlichen Interventionen in der islamischen Welt. Die Kriege in Irak, Afghanistan oder Libyen, die Drohneneinsätze in Somalia, Pakistan oder im Jemen, erinnern an die Zeit des Kolonialismus und fördern das westliche Feindbild.

Islamistische Führer und Parteien

Islamistische Führer und Organisationen zeichneten sich in ihrer Entstehung durch einen starken Anti-Kolonialismus aus. Zu den bedeutendsten islamistischen Vordenkern zählen Al-Maududi und Sayyd Qutb, der Al-Maududis Ideen weiterentwickelte. Sie stehen für eine Abneigung gegen den Westen und seine dekadente Kultur, sowie die Forderung eines radikalen Islams. Hasan Al-Banna gründete 1928 die Muslimbruderschaft in Ägypten, mit dem Ziel die ägyptische Gesellschaft zu islamisieren. Islamistische Organisationen passen sich oft an die lokalen Gegebenheiten an. So waren die Muslimbrüder in Jordanien regierungstreu, während sie sich in Syrien blutige Machtkämpfe mit dem Staat lieferten.

Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


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Literatur:

Brown, L. Carl: Religion and state: The Muslim approach to politics. Columbia University Press, 2013.

Seidensticker, Tilman: Islamismus: Geschichte, Vordenker, Organisationen. C.H.Beck, 2016.