Die Rolle der Knappheit in unserer Gesellschaft

Knappheit und Gewalt

In der Polemologie, der Wissenschaft die Kriegsursachen untersucht, haben Autoren (z. B. Bouthoul) die These aufgestellt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch von Kriegen und einem hohen Anteil junger Männer ("youth bulge") an der Bevölkerung der Angriffsstaaten gibt. Der Krieg sei eine Methode der demographischen Regulierung, ähnlich dem Zweck von Geburtenkontrollen in Friedenszeiten.


Doch warum sind ausgerechnet junge Männer davon betroffen?
Ein hoher Anteil an jungen Männern an der Gesamtbevölkerung führt laut statistischer Datenanalyse nicht zwangsläufig zu Gewaltausbrüchen. Daher ist diese Erklärung nicht zufriedenstellend. Junge Männer haben mehr Bedürfnisse. Sie benötigen mehr Lebensmittel, Macht oder Anerkennung als Frauen, Kinder oder Senioren. Dies bedeutet, dass Sie von einer auftretenden Knappheit am stärksten betroffen sind.
Erklärt dieser Sachverhalt eine erhöhte Gewaltbereitschaft?

Laut Smith existiert ein Zusammenhang zwischen Knappheit und Gewalt (Völkermord). Er unterscheidet dabei zwischen einer psychologischen, politischen und materiellen Knappheit:


  • Psychologische Knappheit betrifft die in der Gesellschaft tief verankerte Fortschrittserwartung, die ein ständiges Wachstum der Befriedigung materieller Bedürfnisse erfordert.
  • Politische Knappheit äußert sich in einem Mangel bezogen auf Macht, materiellem Wohlstand und Respekt der durch eine als ungerecht erachtete Verteilung dieser zurückgeführt wird.
  • Materielle Knappheit verhindert die Befriedigung von materiellen Bedürfnissen der Bevölkerung und hat ihre Ursachen im Ressourcenmangel und starkem Bevölkerungswachstum.

Während die materielle Knappheit natürlich ist und durch gesteigerte ökonomische Effizienz gelöst werden kann, ist die psychologische Knappheit einer in der Gesellschaft vorherrschenden Fortschrittsvision geschuldet, die gleichzeitig mit der Furcht vor dem ökonomischen Niedergang einhergeht. Politische Knappheit hängt stark mit einer als ungerecht empfunden Verteilung von Ressourcen zusammen und passt zu dem Konzept des Menschen als Homo Reciprocans.
Diese Formen der wahrgenommenen Knappheit führen zu einem Wettbewerb um Identität und Zugehörigkeit, da Identität und Zugehörigkeit an sich auch knappe Ressourcen darstellen. Dies hat Implikationen für die Beziehung zwischen Integration und Assimilation von Gruppen in größeren Gemeinschaften.


Kommunikation von Knappheit (künstliche Verknappung) in der Wirtschaft

Im Gegensatz zu den Wirtschaftswissenschaften, betrachtet die Soziologie, die Wirtschaft nicht als gesellschaftliche Konstante, sondern als ein historisch gewachsenes, soziales Konstrukt. Die Hauptfunktion der Wirtschaft ist demnach nicht die Bewältigung von Knappheit, sondern die Kommunikation dieser.


Die Knappheitskommunikation äußert sich dabei in der Sach-, Sozial- und Zeitdimension:
Sachdimension: die Knappheit von Produkten und Dienstleistungen an sich.
Zeitdimension: Verzicht in der Gegenwart führt zur Bedürfnisbefriedigung in der Zukunft. Die gewonnene Zeit kann zum Sparen bzw. zur Produktion von Gütern genutzt werden.
Sozialdimension: Menschen in einer Gesellschaft halten das für knapp und begehren das, was andere haben und als knapp bezeichnen. Demnach ist der Mensch nicht durch seine eigenen Bedürfnisse getrieben sondern bezieht seine Identität durch Imitierung anderer Menschen, gepaart mit dem Wunsch ebenfalls von anderen Menschen imitiert zu werden (rivalisierende Imitation). Dieser Drang zur Imitation in der Sozialdimension, rührt aus der Unsicherheit der Menschen in unklaren Situationen. Auf die Wirtschaft übertragen, beobachten und imitieren Unternehmen ihre Konkurrenten, während Konsumenten andere Konsumenten beobachten und imitieren. Dadurch stabilisieren sich die einzelnen Bereiche der Gesellschaft.

Gerade in gesättigten Märkten in denen mengenmäßiges Wachstum nicht mehr möglich ist können Unternehmen ihren Umsatz nur durch höhere Preise steigern. Da der Preis eines Produktes auf einem Markt von dessen wahrgenommener Knappheit abhängt kann dies nur durch künstliche Verknappung und die Kommunikation dieser geschehen.


Das Knappheitskalkül kann dabei nützlich für die Gesellschaft sein. Gerade in Bereichen wie der Arbeitsplatzversorgung, der ökologischen Nachhaltigkeit oder der Vermeidung von (objektiven) Zukunftsrisiken sind Knappheitskalküle notwendig um knappe Ressourcen gesamtgesellschaftlich effizient zu verteilen.
Hauptansatzpunkt für eine Reform des Knappheitskalküls ist das Geldsystem, da die Kommunikation von Knappheit im Medium des Geldes erfolgt.


Geld ist ein Medium das nicht einer natürlichen Knappheit unterliegt sondern künstlich verknappt werden kann. Da die Produktion und Verteilung von Waren durch Geld gesteuert wird, können Knappheitskalküle auf jede Art von Produkt oder Dienstleistung übertragen werden. Der Preis eines Produktes ist dabei ein Ausdruck von Knappheit. Je knapper ein Produkt desto teurer ist es. Je mehr knappe Ressourcen wie Zeit, Energie, Rohstoffe oder Know-how für seine Erstellung von Nöten sind, desto höher liegt sein Preis.


Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


Identifikation und Zugehörigkeit   Psychologie des Geldes   Wettbewerb  


Literatur:

Baecker, Dirk: Wirtschaftssoziologie. transcript Verlag, 2015.

Bouthoul, Gaston: Kindermord aus Staatsraison. Dt. Verlag-Anst., 1972.

Pick, Doreèn; Kenning, Peter: Kommunikation von Knappheit im Einzelhandel. PRAXIS 2, 2012.

Girard, René: Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität. 2. Auflage, LIT, Münster, 2012.

Harrison, Simon: Identity as a scarce resource. Social Anthropology 7.3, S. 239-251, 1999.

Kröhnert, Steffen: Warum entstehen Kriege: Welchen Einfluss die demografische und ökonomische Entwicklung auf die Entstehung bewaffneter Konflikte haben. Berlin-Institut, 2006.

Smith, Roger W: Knappheit und Genozid; in Wallimann, Isidor, Hrsg. Das Zeitalter der Knappheit: Ressourcen, Konflikte, Lebenschancen. Haupt Verlag AG, 2003.


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