Technikfolgenabschätzung

Der Umgang mit Nichtwissen bezüglich neuer Technologien

Technologie macht heutzutage rasante Fortschritte und verändert das Leben von Menschen nachhaltig. Welche positiven und negativen Folgen eine neue Technologie hat ist schwer abzuschätzen. Daher ist es wichtig über alle Risiken und Chancen der einzelnen Neuerungen informiert zu sein, sowie deren Bewertungsmethoden zu kennen. Immer kürzere Innovationszyklen und steigende technische Komplexität erschweren dabei eine ausführliche Technikfolgenabschätzung.
Das Technology Assessment Portal bietet eine Fülle an Studien zur Technikfolgenabschätzung.

Das Vorsorgeprinzip (precautionary principle)

Politische Entscheidungsträger treffen die Wahl für oder gegen die Einführung von neuen Technologien und Anwendungen. Sie müssen hierfür die jeweiligen Risiken und Chancen abwägen. Da in manchen Fällen Risiken existieren, die nicht durch eine herkömmliche Kosten-Nutzen Analyse abgewogen werden können, wurde das sogenannte Vorsorgeprinzip eingeführt, vor allem wenn eine wissenschaflich fundierte Risikoabschätzung nicht möglich ist. Demnach liegt in diesen Fällen die Beweislast bei den Befürwortern der neuen Technologie, dass diese keine existentiellen Risiken birgt. Bis dahin sollte auf diese Anwendungen verzichtet werden. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass diese Risiken eintreten, können ihre Auswirken so fatal sein, dass sie die menschliche Existenz gefährden oder Teile des Ökosystems zerstören.
Das Vorsorgeprinzip sollte auf menschengemachte, irreversible, systemgefährdende und vernetzte Risiken angewandt werden.
Bei lokal begrenzten, reversiblen und nicht interagierenden Risiken, macht hingegen eine Chancen-Risiken-Abschätzung Sinn.

Risiken und Chancen in Technikfolgendiskursen

Die Einschätzung und Entscheidung für oder wider eine Technologie ist nicht mit einer simplen Studie abgetan, sondern richtet sich an die drei Strategien des Abschätzens, des Regulierens und der Partizipation aus. Für das Abschätzen der Folgen einer neuen Technologie, die mit Nichtwissen verbunden ist beteiligen sich Akteure aus allen unterschiedlichen Bereichen der Wirtschaft, Forschung, Politik oder Nichtregierungsorganisationen und bilden Expertengremien oder verfassen Berichte und Studien. Das Regulieren soll Gefahren abmildern, in Form staatlicher Gesetze und Einschränkungen, aber auch freiwilliger Selbstregulation. Mit Partizipaton sind die Dialoge, Foren oder Kommissionen gemeint, in denen Vertreter betroffener gesellschaftlicher Interessensgruppen beteiligt sind und einen Konsens zu ihren unterschiedlcihen Standpunkten suchen. Weiterführend können auch Alternativen für problematische Technologien aufgezeigt werden, die die gleichen Chancen bieten, aber ein geringeres Gefahrenpotential darstellen.

Grenzen und Probleme aktueller Technikfolgendiskurse

In aktuellen Maßnahmen der Technikfolgenabschätzung und -regulierung werden keine Verpflichtungen der beteiligten Akteure abgeleitet. Die Maßnahmen bieten keine Abgrenzung von Verantwortung und Zuständigkeit, wodurch zusammen mit der Unbestimmtheit und Unschärfe der diskutierten Themen die Problemstellung aufgeweicht wird.
Die Machtassymetrie der verschiedenen Interessensgruppen sorgt dafür, dass sich einflussreichere Gruppen durchsetzen und seitens der Bevölkerung herrscht Desinteresse, weil die Themen zu abstrakt sind.

Literatur:

Fiedeler, Ulrich: Der Blick in das Vexierbild oder die Technikfolgenabschätzung der Nanotechnologie. Nano Risiko Governance, Springer Vienna, S. 311-334, 2014.

Kriebel, David, et al.: The precautionary principle in environmental science. Environmental health perspectives 109.9, S. 871-876, 2001.

Decker, Michael; Bellucci, Sergio; Bröchler,Stephan; Nentwich, Michael; Rey, Lucienne; Sotoudeh, Mahshid (Hrsg.): Technikfolgenabschätzung im politischen System - Zwischen Konfliktbewältigung und Technologiegestaltung. Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 2014.

Kurath, Monika: Nichtwissen lenken: Nanotechnologie in Europa und den Vereinigten Staaten. Nomos Verlag, 1. Auflage, 2016.

Taleb, Nassim Nicholas, et al.: The precautionary principle: fragility and black swans from policy actions. Extreme Risk Initiative—NYU School of Engineering Working Paper Series, 2014.