Geopolitik

Die Idee der Geopolitik entstand im 19. Jahrhundert. Beeinflusst vom Evolutionismus wurden Staaten als "lebendige Wesen" aufgefasst die miteinander in Konkurrenz stehen. Expansionistische Bestrebungen und die Unterwerfung anderer Völker gehörten demnach zum Prozess der natürlichen Selektion. Die Geographie wurde in der Politik als Äquivalent zu den natürlichen Umweltbedingungen in der Biologie wahrgenommen und militärische Konflikte waren somit unausweichlich an die natürliche Umgebung von Staaten gebunden. Diese Denkweise legitimierte imperialistische Eroberungen und stoß im Schoße moderner Ideologien auf fruchtbaren Boden. Bei der Geopolitik handelt es sich dabei keineswegs um eine Wissenschaft, da die Interpretation geographischer Gegebenheiten stark von der eigenen Weltanschauung abhängt. Daraus entsteht eine selbsterfüllende Prophezeiung da benachbarte Staaten gezwungen werden sich dieser Logik anzuschließen, falls ihr Nachbar eine solche Art von Politik für alternativlos hält.

Aktuelle Geopolitik

Einer der bekanntesten Geopolitiker unserer Zeit ist der ehemalige amerikanische Regierungsberater Zbigniew Brzezinski. Für ihn ist Eurasien das "Schachbrett der Welt" da hier die meisten Menschen leben und dieses Gebiet den größten Teil der Weltressourcen beherbergt. Die Kontrolle der Randgebiete des eurasischen Kontinents ermöglicht die Kontrolle über die Menschenmassen und die Ressourcen die sich in diesem Territorium befinden. Diese Gedanken sind nicht neu, sondern lassen sich auch bei Mackinder oder Haushofer in ähnlicher Weise finden. Deutschland und Frankreich gehören laut Brzezinski zu den beiden Schlüsselstaaten in Europa und sind für den westlichen Teil des eurasischen Kontinents von zentraler Bedeutung.
Da sich die USA nun aus diesem Teil der Welt zurückziehen, um sich mit ihren Ressourcen auf Ostasien konzentrieren zu können, wollen sie die Verantwortung für Nordafrika, den Nahen Osten und Russland den Europäern übertragen.
Zu diesem Zweck ist momentan eine (Re-)Militarisierung Europas im Gange. Der einflussreiche EU Thinktank "Group on Grand Strategy" (GoGS) hat die strategische Marschrichtung entwickelt, nach der das zukünftige Einflussgebiet der EU von Nordafrika über Russland, Zentralasien und dem Mittleren Osten, bis nach Indonesien reichen soll.

Grand Area Strategie
Grand Area Strategie
James Rogers, 2011, S. 16

Zur Wunschliste gehört die Errichtung von europäischen Militärstützpunkten an strategisch wichtigen Orten oder die Schaffung einer zentralen militärischen Verwaltungsstelle.
Um dieses Vorhaben zu realisieren wird versucht mit Prognosen die ein hohes Bedrohungspotential zeichnen, einen Handlungsdruck auf die Politik auszuüben.
Erstes Anzeichen dieses Prozesses ist die Konsolidierung und Oligopolisierung der europäischen Rüstungsindustrie, die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel unterstützt wird. In diesem Zusammenhang sind auch die Forderungen des Airbus-Chefs zu sehen, Deutschland müsse sich zur Rüstungsindustrie bekennen. Die Krise der europäischen Rüstungsunternehmen sei auf die Kriegsmüdigkeit Europas zurückzuführen und der Sparsamkeit bei den Militärausgaben. Obama möchte die Europäer überzeugen mehr in Rüstung zu investieren, um der "russischen Gefahr" entgegenzutreten. Der Präsident der europäischen Kommission Jean-Claude Juncker hat dementsprechend die Etablierung einer europäischen Armee verlangt, um sich gegen äußere Bedrohungen (Russland) zu verteidigen. Auch die französische Intervention in Mali und die Beteiligung europäischer Länder an den Luftangriffen in Libyen und Syrien deuten auf die Kehrtwende in der europäischen Außenpolitik hin, die sich momentan anbahnt.

Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


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Literatur:

Brzezinski, Zbigniew: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Fischer, Frankfurt 1997.

Helmig, Jan: Geopolitik - Annäherung an ein schwieriges Konzept. Bundeszentrale für politische Bildung, 11.5.2007.

Ritz, Hauke: Die Rückkehr der Geopolitik: Eine Ideologie und ihre fatalen Folgen. Blätter für deutsche und internationale Politik, 2013.

Rogers, James: A new geography of european power. Egmont Paper 42, 2011.

Wagner, Jürgen: Die Geostrategie Europäischer Macht:'Grand Area'. Ein imperiales Raumkonzept als Rezept fürs Desaster. Ausdruck (IMI Tübingen) Nr 5, 2011.

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