Freiheit als Contested Concept

Freiheit und Macht

Was ist Freiheit?

Eine einfache Antwort auf diese Frage zu geben ist leider nicht möglich, da verschiedene Interpretationen und Definitionen des Freiheitsbegriffs existieren:

  1. Jeder Mensch ist einmalig und kann nicht durch einen anderen Menschen ausgetauscht werden. Daher ist die Zeit die ein Mensch auf dieser Welt zur Verfügung hat nicht vergleichbar und quantifizierbar. Freiheit bedeutet in diesem Zusammenhang die Selbstbestimmung des Individuums über seine Zeit, indem diese als unveräußerlich angesehen wird.
  2. Menschen sind soziale Wesen, die in individuell gestalteten, sozialen Beziehungen eingebettet sind. Aus diesem sozialen Kontext können Menschen nur mit Gewalt herausgelöst werden. Der Schutz vor dieser Gewalt, kann als Freiheit aufgefasst werden.
  3. Menschen haben Bedürfnisse, die aber aufgrund von Knappheit nicht alle erfüllt werden können. Technologie kann natürliche Knappheiten durch die Erhöhung der Produktivität reduzieren. Da Knappheit allerdings eine relative Größe ist, entstehen sie oft aus einem subjektiven Empfinden und können künstlich erzeugt werden. Die Beseitigung von Knappheiten kann ebenfalls als Freiheit verstanden werden.
  4. Der Nationalsozialismus verstand unter Freiheit die Verwirklichung der biologischen (göttlichen) Gebundenheit die Menschen von Geburt an besitzen. Nach dieser Auffassung wurde Freiheit als die Aufopferung und Unterordnung von Mann und Frau gegenüber dieser Gebundenheit verstanden, fernab von "nicht-deutschen" Dogmen.
  5. Eine weitere Definition von Freiheit ist die Möglichkeit, Macht über andere Menschen zu erlangen. Ein mögliches, menschliches Bedürfnis ist, Kontrolle über Mitmenschen auszuüben, mit der Konsequenz der Einschränkung ihrer Freiheiten.

Die Ordnung der Freiheit

Jeder Mensch braucht Freiräume um handeln, und sich bewegen zu können. Diese Freiheitssphären stehen sich dabei im Weg. Grund hierfür ist die Knappheit von Ressourcen wie Raum oder Zeit. Möchte ein Mensch seine Freiheit maximieren kann dies zu einer Knappheit für andere Menschen führen, bspw. wenn er zu viel Platz beansprucht oder zuviel Wasser verbraucht.
Nun gibt es viele natürliche Güter die knapp sind. Wollen Menschen ihre Freiheit in Anspruch nehmen und auf diese Güter zugreifen kann es, gerade bei identitätsstiftenden Gütern, zu Konflikten kommen. Die verursachte Knappheit ist dabei keineswegs vorsätzlich geplant worden, sondern ist das Ergebnis kollektiven Handelns und kann am Beispiel eines Verkehrsstaus veranschaulicht werden. Um dies zu verhindern braucht Freiheit eine Ordnung, die Ordnung des Rechts. Gesetze regeln wer, inwieweit sein Freiheitsbedürfnis ausleben kann und damit wie tief er in die Freiheitssphäre eines anderen Menschen eindringen darf. Die Kontrolle über diese Ordnung obliegt dem gesetzgebenden Staat und der Justiz. Freiheit bedeutet Eigenkontrolle zu besitzen. Fremdkontrolle schränkt die Freiheit von Menschen ein. Wer jemand anderen kontrolliert hat Macht über seine Freiheit. Die Macht des Staates nimmt Einfluss darauf was der Homo Reciprocans als gerecht erachtet, da die Freiheit des Einen eingeschränkt wird damit ein Anderer mehr Freiheit hat.


Freiheit und (Pseudo)Liberalismus

Ähnlich wie der Begriff des Fortschritts wird der Begriff der Freiheit undifferenziert als positiv bewertet, obwohl nicht geklärt ist ob im jeweiligen Kontext mit Freiheit eine Knappheitsreduktion oder die Kontrolle und Macht über bestimmte Ressourcen gemeint ist. Freiheit wird in unserer Gesellschaft meist mit einem Liberalismus verknüpft der ökonomische Zwänge kommuniziert. Nur die liberale Moralordnung gilt als wirkliche Freiheit und Vertreter anderer Freiheitsbegriffe werden als Feinde der Freiheit betrachtet. Die liberale Moralordnung basiert auf dem Marktprinzip. Angebot und Nachfrage, d.h. die Mehrheit, entscheidet was moralisch gut oder schlecht ist. Unreflektierte Meinungen bestimmen den gesellschaftlichen Diskurs, wie momentan in den sozialen Netzwerken sichtbar. Dadurch werden dem Populismus und dem Aktionismus in der Politik Tür und Tor geöffnet.


Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


Demokratie   Denken und Wahrnehmung   Kognitionspsychologie   Eigenverantwortung  


Literatur:

Hornig, Jens Christian: Sicherheit statt Freiheit? Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, 2009.

Øfsti, Audun: Wissen–Macht–Freiheit. Zur Ontologie des Sozialen. 2008.

Poliakov, Léon: Das dritte Reich und seine Denker. Walter de Gruyter, 1978.

Steiner, Oliver Leopold; Döring, Marie Luise: Interview: Der Freiheit das liberale Gewand entwinden. Der Philosoph, Schriftsteller und ‚Demotivationstrainer ‘Guillaume Paoli über Freiheit im Liberalismus, Schwarz-Weiß-Denken und die Macht von Narrativen. 360°–Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft 10.1, 2015.