Demokratie als Contested Concept

Was ist Demokratie?

Demokratie besagt, dass die Macht vom Volk ausgeht. Das Volk trifft Entscheidungen. Der Wille eines jeden Bürgers muss berücksichtigt werden. Allerdings lässt der Begriff der Demokratie einige Fragestellungen offen. Wer zählt zum Volk? Dürfen Bürger überstimmt werden? Wie ist bei gegensätzlichen Interessen von Gruppen vorzugehen?

Wahlen

Was für Eigenschaften muss ein gutes Staatsoberhaupt haben? Nach welchen Kriterien wählen Bürger ihre Kandidaten? Untersuchungen haben ergeben, dass ein starkes, eckiges Kinn Dominanz ausstrahlt und Menschen Politiker mit diesen Ausprägungen als kompetent ansehen. Ein leichtes und selbstbewusstes Lächeln signalisiert hingegen Vertrauenswürdigkeit. Menschen nutzen Urteilsheuristiken um Urteile über Eigenschaften und Kompetenzen von Politikern einzuschätzen. Können oder wollen Menschen keine Zeit investieren um sich ein objektives Bild über einen Kandidaten und seine Partei zu verschaffen, treffen sie ihre Wahl dementsprechend. Außerdem herrscht in vielen Gesellschaften ein Bedürfnis nach Stabilität und die Angst vor Wandel, was eine nicht zu unterschätzende Triebfeder für die Wahlentscheidung darstellt.
Freie Wahlen sind nur eines von vielen Merkmalen, die eine Demokratie ausmachen. Der Demokratisierungsgrad eines Landes hängt auch davon ab wie offen eine Gesellschaft für neue Ideen ist und wieviel Zeit sie bereit ist für die Entwicklung dieser Ideen zu opfern.

Staatsformen

Oft wird behauptet die perfekte Staatsform wäre die repräsentative Demokratie, da Menschen in einer direkten Demokratie leicht von Populisten manipulierbar seien.
In der Geschichte Europas gab es langfristig einen Wandel hin zu einem höheren Demokratisierungsgrad. Auf absolute Monarchien folgten konstitutionelle Monarchien die von repräsentativen Demokratien abgelöst wurden und demnach als logischer Nachfolger die direkte Demokratie erscheint. Kritiker der direkten Demokratie müssen sich vor Augen führen, dass Menschen in jeder Staatsform manipulierbar sind. Indokrination der Kinder, Manipulation durch Medien und Attraktivität von Populisten ist nicht an eine Staatsform gebunden. Ist es nicht dramatischer wenn eine populistische Partei an die Macht kommt, als wenn eine populistische Entscheidung getroffen wird? Der große Vorteil der direkten Demokratie ist, dass Macht nicht in wenigen Händen konzentriert sein kann. Dadurch ist eine Gesellschaft antifragiler, da falsche Entscheidungen auf einen speziellen Fall beschränkt bleiben und nicht das politische System gefährden.

Revolutionen

Durch eine Revolution entsteht ein Machtvakuum. Das nutzen meist gewalttätige Extremisten oder vor der Revolution einflussreiche Kräfte aus, um die Macht in einem Land (wieder) zu erlangen. Langfristig hat keine einzelne Revolution die von ihr gesetzten Ziele erreicht.
Auf die Französische Revolution folgte eine Terrorherrschaft; später Napoleons Kaiserreich und der Versuch der Bildung eines Imperiums. Die Weimarer Republik hinterließ ein zu großes Machtvakuum, das die Nationalsozialisten ausnutzten. Die sozialistische Revolution endete letzen Endes mit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches.
Die friedlichen Revolutionen der letzten Jahre brachten ebenfalls nicht die gewünschten Ergebnisse (Ägypten 2011, Ukraine 2004, Tunesien 2010); ebenso die nicht-friedlichen Revolutionen (Syrien 2011, Ukraine 2011, Libyen 2011).

Der Grund für das ständige Scheitern von Revolutionen liegt an ihren kurzfristigen, ambitionierten Zielsetzungen, die Fragilität verursachen. In diesem Punkt sind die Vorteile von Evolutionen gegenüber Revolutionen begründet. Evolution lässt Zeit für die Ausbildung und den Aufbau von gesellschaftlichen Kompetenzen, die einen wichtigen Beitrag zur Übertragung von Macht an das Volk leisten. Vorausgesetzt der Organisierung ihrer Interessen, bei gleichzeitiger Integration in das aktuelle Machtsystem, ist die Zeit auf Seiten der Evolutionäre und sie können den geeigneten Zeitpunkt für eine Machtübernahme abwarten, d.h. sie sind antifragil. Revolutionäre müssen hingegen möglichst schnell die Machtlücke schließen. Die Zeit arbeitet gegen sie.

Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


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Literatur:

Scholl-Latour, Peter: Der Fluch der bösen Tat: Das Scheitern des Westens im Orient; Propyläen Verlag, 2014.

Todorov, Alexander; Manish Pakrashi; Nikolaas N. Oosterhof: Evaluating faces on trustworthiness after minimal time exposure; Social Cognition 27.6, 813-833, 2009.