Ideen finden und entwickeln

Sinn, Gefahren und Strategien

Die reale Welt bietet viele Probleme an, zu deren Lösung neue Ideen benötigt werden. Sowohl beim Auffinden von geeigneten Ideen, als auch bei der Weiterentwicklung dieser, ist es wichtig ein Grundverständnis über die Funktionsweise unserer komplexen Welt zu besitzen. Ein paar der wichtigsten Fragen, die im Verlauf präzisiert werden müssen, sind folgende:


  1. Hat die Idee Aussicht auf Erfolg?
  2. Was bedeutet in dem Zusammenhang Erfolg und lässt sich dieser messen?
  3. Hat die Idee Nachteile als Folge?
  4. Ist der Erfolg nachhaltig?
  5. Welche Stolpersteine sind im Verlauf zu erwarten?

Wann ist eine Idee eine gute Idee?

Wie soll man Erfolg definieren? Heißt Erfolg möglichst viel Geld zu verdienen oder soll mit der Idee Gutes getan werden? Wann vollbringt man mit einer Idee überhaupt Gutes? Für eine Antwort auf diese Frage kann die Betrachtung des Knappheitsbegriffs helfen. Knappheit bedeutet, dass etwas vorhanden ist, aber nicht in ausreichendem Maße, um alle Menschen glücklich zu stellen. Die Existenz einer Sache weckt die Bedürfnisse, die es nicht gäbe, wenn diese Sache nicht da wäre und um ihrer Willen ein Konkurrenzkampf entbrennt. Knappheit führt daher oft zu Gewalt. Knappheit weckt in Menschen Leidenschaften und lässt sie leiden, weil sie diese nicht befriedigen können. Sie ist ein Antrieb, sowohl positiver als auch negativer Natur. Die entscheidende Frage, die sich jeder Ideengeber stellen sollte ist: Welche Art von Knappheit möchte ich reduzieren und welche auf keinen Fall?
Die Soziologie wirft einen interessanten Blick auf die Knappheit. Im Gegensatz zu den Wirtschaftswissenschaften, betrachtet die Soziologie, die Wirtschaft nicht als gesellschaftliche Konstante, sondern als ein historisch gewachsenes, soziales Konstrukt. Die Hauptfunktion der Wirtschaft ist demnach nicht die Bewältigung von Knappheit, sondern die Kommunikation dieser. Gerade in gesättigten Märkten in denen mengenmäßiges Wachstum nicht mehr möglich ist können Unternehmen ihren Umsatz nur durch höhere Preise steigern. Da der Preis eines Produktes auf einem Markt von dessen wahrgenommener Knappheit abhängt kann dies nur durch künstliche Verknappung und die Kommunikation dieser geschehen.
Das Knappheitskalkül kann dabei nützlich für die Gesellschaft sein. Gerade in Bereichen wie der Arbeitsplatzversorgung, der ökologischen Nachhaltigkeit oder der Vermeidung von (objektiven) Zukunftsrisiken sind Knappheitskalküle notwendig um knappe Ressourcen gesamtgesellschaftlich effizient zu verteilen.

Wann hat eine Idee Aussicht auf Erfolg?

Sind Risiken objektiv messbar? Können wir vorhersehen, was alles in der Zukunft schief gehen kann? Kognitionspsychologie und Chaostheorie geben auf diese Fragen eine klare Antwort: Nein! Risiken sind nicht objektiv bestimmbar und langfristige Prognosen sind nicht verlässlich. Menschen sind aber nicht dem Zufall schutzlos ausgeliefert. Sie können Strategien entwickeln, um vom Zufall im Leben zu profitieren. Dafür müssen sie einige Dinge über das Umfeld, in dem ihre Idee wirken soll, wissen:


Um Hinweise auf zukünftige Gefahren wahrzunehmen müssen Signale (relevante Informationen) aus dem Rauschen (irrelevante Informationen) gefiltert werden. Massenmedien haben die Funktion der Reproduktion von Nachrichten und erzeugen Rauschen. Die Kunst besteht darin, die wenigen Signale in den Medien zu erkennen und die Nebengeräusche zu ignorieren. Nur so lassen sich Anzeichen für strukturelle Systemfehler oder andere Problemfelder entdecken, um rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen.


Dabei ist es wichtig zwei Arten von Systemen zu unterscheiden. In Systemen die nach oben begrenzt sind, haben Ausreißer keinen Einfluss auf das zu erwartende Ergebnis. Dies bedeutet unerwartete Ereignisse stellen in diesen Systemen ein vergleichsweise geringes Bedrohungspotential dar. Ermittelt man das Durchschnittsgewicht einer Gruppe, wird sich dieser Wert kaum verändern wenn der dickste Mann Deutschlands miteinberechnet wird. Gewicht ist eine durch Körpermaße begrenzte Größe. Gleiches gilt für die Anzahl der Stimmen bei politischen Wahlen.


Es gibt aber auch Systeme, deren Durchschnittswerte durch Extremwerte geformt werden können. Vergleicht man wie reich Menschen sind, wird sich ein völlig anderer Durchschnittswert ergeben, wenn ein Milliardär in eine Gruppe miteinbezogen wird. Reichtum ist keine begrenzte Größe. Systeme die empfindlich auf Extremwerte reagieren, bergen ein weitaus höheres Gefahrenpotential, da zufällige Ereignisse sehr große Auswirkungen haben können ("schwarze Schwäne"). Plötzliche Veränderungen können in diesen Systemen nämlich zu extremen Verlusten führen. Eine Partei kann Wählerstimmen verlieren, wird aber nicht von 2 Millionen auf -2 Millionen Stimmen fallen. Ein Finanzbroker hingegen, kann durchaus von einem Vermögen von 5 Millionen € auf -5 Millionen € abrutschen. Ein an ein fragiles System gekoppeltes System wird von dessen Fragilität auch getroffen. So gerät unser Wirtschaftssystem in Mitleidenschaft, falls das Finanzsystem kollabiert.


Als Lösung für den Umgang mit dieser Unbeständigkeit hat Nicholas Nassim Taleb das Konzept der Antifragilität eingeführt. Antifragilität bedeutet, dass Dinge die einem dynamischen, unbeständigen und von Zufälligkeiten abhängigen System angehören, von dieser Unordnung im Zeitablauf profitieren. Religionen werden bspw. in chaotischen Zeiten in denen Unordnung herrscht immer stärker, da Menschen in der Religiosität Zuflucht suchen und die Religion ihnen Halt gibt. Fragile Dinge lieben hingegen Ordnung und müssen diese durch viel Aufwand aufrechterhalten. Zerbrechliche Gegenstände wie Vasen oder Porzellan müssen ständig vor Gefahren beschützt werden, ebenso wie andere fragile Systeme (z.B. das aktuelle Finanzsystem), die ständig in Krisen hineinsteuern. Antifragile Dinge erleiden keinen Schaden durch schwarze Schwäne, sondern ziehen einen Nutzen aus ihnen. Sie machen nur kleine Verluste, erhalten aber verhältnismäßig große Gewinne.

Den Status Quo beachten!

Ein häufig begangener Fehler ist das Ignorieren des Status Quo. Man kann gut durchdachte Pläne erstellen, die eine Idee verwirklichen soll, aber diese müssen an den aktuellen Stand der Welt angepasst sein. Unsere heutige Welt ist durch einen recht komplexen, historischen Prozess entstanden und es werden sich aus Gründen der Gewohnheit und Vorteilnahme Widerstände gegen jeden Versuch ihrer Änderung ergeben. Dies betrifft allgemeine Routinen, politische Systeme, wirtschaftliche Strukturen oder auch gesellschaftliche Einstellungen. Der Ideengeber muss sich darüber bewusst sein, welche Auswirkungen seine Idee haben wird, welche Reaktionen sie hervorruft.

Richtig Kommunizieren!

Ist die eigene Idee konzipiert, stellt sich eine weitere wichtige Frage: Wie sollte diese kommuniziert werden? Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie haben gezeigt, dass Framing bei der Kommunikation eine entscheidende Rolle spielt. Frames sind bestimmte Wörter oder Wortkombinationen, die einem Sachverhalt ein Interpretationsmuster nahelegen. Wir verknüpfen abstrakte Ideen mit realen (physischen) Erfahrungen, um sie erfahrbar und begreifbar zu machen und sie mental simulieren zu können. Ein Frame entscheidet wie eine Idee aufgenommen wird. Bei der Kommunikation ist deshalb darauf zu achten welche Frames man benutzt! Es ist dabei wichtig Gegenargumente nicht zu verneinen sondern die eigenen zu betonen. Auf keinen Fall dürfen die Frames benutzt werden, die der eigenen Idee im Weg stehen.

Fragenkatalog

Nun gilt es zusammenzufassen und die wichtigsten Fragen für den Ideengeber zu notieren. Um Erfolgsaussichten und Sinnhaftigkeit einer Idee zu überprüfen und geeignete Strategien zu entwickeln sollten folgende Grundfragen beantwortet werden:


  1. In welcher Art von System befindet sich das Problem?
  2. Welche anderen Systeme sind daran gekoppelt?
  3. Was sind die entscheidenden Erfolgsgrößen in diesen Systemen? (Geld, Reputation ...)
  4. Wie verändern Extremwerte dieser Größen das System und gefährden die eigene Position?
  5. Besitzt die Idee antifragiles Potential?
  6. Welche Arten von (realer) Knappheit soll die Idee beseitigen?
  7. Werden bei dieser Reduktion andere Arten von Knappheit erhöht?
  8. Von welcher Seite ist Widerstand gegen meine Idee zu erwarten und warum?
  9. Welche Frames sollte ich bei der Kommunikation meiner Idee einsetzen?

Beispiel wie man die Idee Wissensdemokratie vorstellen könnte


Problem:

In vielen Bereichen wird in den Medien kaum oder nicht korrekt über wissenschaftliche Erkenntnisse berichtet. Massenmedien konzentrieren sich auf die Reproduktion von Informationen und nicht auf die Darstellung komplexer Zusammenhänge. Dabei wäre es wichtig die Wurzeln unserer heutigen gesellschaftlichen Probleme zu identifizieren und diese nicht nur oberflächlich zu bekämpfen. Eine Aufklärung der Gesellschaft ist wichtig, damit nicht die Fehler aus der Vergangenheit wiederholt werden und ein Fundament für die Lösungen der Probleme unserer Zeit gelegt wird.

Lösung:

Wir wollen die Knappheit von Signalen (relevante Informationen) reduzieren, in Zeiten in denen Massenmedien Rauschen (irrelevante Informationen) reproduzieren und die Knappheit von Signalen erhöhen. Unsere Seite ist antifragil, da sie offen für neue Erkenntnisse ist. Wir passen unsere Seite den gefundenen Argumenten an und nicht umgekehrt. Wir profitieren von Chaos, Zufall und Unordnung, weil wir nach Fehlschlüssen unsere Argumente überdenken, alte Ideen verwerfen und neue entwickeln. Die Zeit arbeitet für uns, weil unsere Artikel im Zeitablauf an Qualität hinzugewinnen. Wir bieten für eine komplexe und dynamische Welt ein flexibles Wissensportal.

Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


Prognosen   Chaos, Ordnung und Zufall   Knappheit  


Literatur

Baecker, Dirk: Wirtschaftssoziologie. transcript Verlag, 2015.

Boeckelmann, Lukas; Mildner, Stormy-Annika: Unsicherheit, Ungewissheit, Risiko. SWP-Stiftung Wissenschaft und Politik, 2011.

Kahneman, Daniel: Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag, 2012.

Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien; VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1995.

Taleb, Nassim Nicholas: Narren des Zufalls: Die verborgene Rolle des Glücks an den Finanzmärkten und im Rest des Lebens. WILEY-VCH Verlag, 2008.

Taleb, Nassim Nicholas: Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. Albrecht Knaus Verlag, 2013.

Wehling, Elisabeth: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet–und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2016.