Filter, Kategorien und Filterblasen

Hierarchien - Taxonomien – Kategorien

Sobald man beginnt Dinge für Andere zu kategorisieren, muss man sich zwangsläufig überlegen, wie die meisten Menschen diese Dinge einordnen würden, weil das bestimmt, wonach sie suchen wenn sie diese Dinge finden wollen. Dies fängt bei der Verschlagwortung einer Website an und geht bis zur Festlegung der Zugangsvoraussetzungen einer Universität. Aber nicht jeder sucht und ordnet Dinge auf gleiche Weise ein. Kategorien werden von uns unbewusst vergeben und es ist unmöglich zu erraten wie einer unserer Mitmenschen die Welt um sich herum einordnet. Es gibt tausende von Möglichkeiten dies zu tun und keine ist per se logischer als die andere. Ein Bär und eine Katze haben beide einen Pelz. Ebenso haben die meisten Katzen und Vasen gemeinsam, dass sie sich in Wohnungen befinden. Ist eine Katze nun eine „Pelztier“ oder ein Einrichtungsgegenstand?

Wie bei der Kreativität handelt es sich beim Kategorisieren um eine Neukombination vorhandener Dinge zu etwas Neuem: einer Kategorie. Sie ist selektiv und richtet unsere Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Aspekt der Realität. Eine Kategorie unterliegt daher der ökologischen Rationalität. Sie ist in manchen Umgebungen günstig, in anderen jedoch nicht.

Kategorisieren wir systematisch, erzeugen wir Taxonomien (Kategorienbäume). Gehen wir dem Ursprung einer Taxonomie zu Grunde stellen wir unweigerlich fest, dass sich diese stets an den Gegebenheiten orientiert. Konkreter ausgedrückt handelt es sich um knappe Dinge in der Umgebung, wie knappe Regalflächen, Aufmerksamkeit oder andere Ressourcen. Sie stellen das Skelett dar, um das herum eine Taxonomie aufgebaut wird.

Kategorien bauen also auf etwas auf und werden sehr individuell bzw. gruppenspezifisch vergeben. Aber was bringen sie uns? Uns fehlt nämlich ein entscheidendes Werkzeug um sie effektiv nutzen zu können.


Hierarchien jeder Art müssen Ähnlichkeiten aufweisen, ansonsten sind sie unnütz. Filter erzeugen diese Ähnlichkeit.

Ein Kriterium (oder eine Handvoll) ist die Grundlage um die herum eine Hierarchie aufgebaut wird. Ihr selektiver Charakter muss konsistent und konsequent durch alle Kategorien hindurch beibehalten werden. Wenn ich beginne Früchte nach ihrer Farbe zu sortieren wird mein Ziel nicht erreicht, wenn ich plötzlich mitten im Sortiervorgang beginne rote und blaue Früchte zu gruppieren. Mein vorher betriebener Aufwand war dann umsonst.

Ein Filter ist eine für manche Elemente durchlässige Grenze. Die Kunst des Filterns besteht darin, sich auf das geeignetste Merkmal zu konzentrieren um ein gesetztes Ziel zu erreichen. Die richtigen Filter erzeugen Ähnlichkeit, indem sie die abstrakte Hierarchie mit der realen Welt in Kontext setzen.

In der freien Wildbahn ist es für mich überlebenswichtig, Tiere in ihrer Umgebung adäquat einzuschätzen. Ich filtere die Tierwelt nach Raubtieren und nur nach Raubtieren. Die Hierarchie wird von der Natur vorgegeben. Nur eine Kategorie von Tieren hat einen mächtigen Appetit auf mich. Also wird jeder meiner Mitmenschen den gleichen Filter wählen (zumindest diejenigen die nicht als Löwenfutter enden wollen). Die Hierarchien weisen eine Ähnlichkeit auf, weil alle Menschen ähnliche Filter einsetzen.

Allerdings stoßen wir mit zunehmender Entfernung von der Natur auf Fallstricke im Kategorisieren. Kategorien werden nämlich auch ähnlich gemacht obwohl sie es nicht sind, und keine natürliche Grundlage dafür gegeben ist.

Was zu filtern ist

Wir filtern immer eine kleine Menge an Dingen, die sich innerhalb einer größeren Menge an Dingen befindet. Die größere Menge stellt einen neutralen Zustand dar, etwas Alltägliches, von wenig wert und von geringer Ordnung. Es kann sich dabei um Wasser, Lärm, Universitätsabsolventen oder Berater handeln. Die kleine Menge an Dingen verschafft uns Vorteile oder befriedigt unsere Bedürfnisse, wenn wir den richtigen Filter anwenden um sie ausfindig zu machen. Ob es sich um Geschäftsideen, Kriminelle oder den zukünftigen Ehepartner dreht, dürsten wir nach Informationen wie wir das Besondere vom Allgemeinen, das Signal vom Rauschen, die Hits von den Flops, oder das Gefährliche vom Harmlosen unterscheiden können.

Filter und Marker

Bevor wir einen Filter anwenden können, müssen wir wissen welche Kriterien wir auf welche Objekte anwenden wollen. Das Motto lautet: Erkennen und Entscheiden.

Nun gibt es verschiedene Einheiten (Anwender) die Filter einsetzen und dementsprechend sind Filterwerkzeuge und Filterziele unterschiedlich. Filterwerkzeuge schützen vor Missbrauch oder steigern die Effizienz. Sie filtern Unnützes oder Gefährliches (zum Beispiel ein Spamfilter im Email-Postfach).

Zusätzlich benötigen wir eine Art Marker der uns sagt wann und wo wir einen Filter anwenden sollen. Gerade soziales Verhalten ist sehr komplex und erfordert für jede Situation die angemessene Auswahl verfügbarer Filter. Ein Marker kann ein Gesichtsausdruck, eine Wortkombination oder die Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe sein. Sobald der Marker erkannt wird, setzt der Filter ein. Zum Beispiel filtern wir unsere nächsten Aussagen, wenn wir einen traurigen Gesichtsausdruck bei einem Freund registrieren. Um ihn nicht weiter zu kränken, werden wir nicht über Dinge reden, von denen wir glauben, dass sie seinem Gemütszustand abträglich wären.

Eine Ordnung von Filtern

Die Mutter aller Filter ist die Natur. Sie kennt alle ökologisch sinnvollen Filter und geht durch die Evolution den Weg der „Via Negativa“. Sie filtert gnadenlos alles, was ihr nicht in den Kram passt. Auch hier können wir eine Hierarchie bilden und Filter in Oberkategorien einordnen. Auf der höchsten Abstraktionsstufe befinden sich die übergeordneten Filter. Ich teile sie in drei Gruppen ein: Knappheit, Skin in the Game und Zeit. Filter sind gewöhnlich mit einer dieser drei Kategorien verknüpft, manchmal aber auch mit zweien oder allen dreien.

Ein Filter namens Knappheit

Die Wichtigkeit von Filtern wurde mir so richtig klar als ich das Buch „The Long Tail“ von Chris Anderson gelesen hatte. Als "Long Tail" bezeichnet Anderson den nicht enden wollenden Schwanz einer Umsatzkurve je Produkt (Es gibt eine riesige Menge an Produkten von denen nur wenige Exemplare verkauft werden, aber in ihrer Summe einen riesigen Absatzmarkt bilden). Während der Markt ab Mitte des 20. Jahrhunderts von Hits bestimmt wurde, können seit den 90er Jahren Produkte die früher nie im Handel erschienen wären, (weil sie keine konzentrierte Nachfrage erzeugen) online erworben werden, da Online-Märkte keine Restriktionen durch knappe Regalflächen oder hohe Lagerkosten haben. Voraussetzung für den Long Tail sind effiziente Filter (zum Beispiel Tags, Kundenrezensionen) die Kunden ermöglichen das Nischenprodukt das sie suchen auch leicht finden zu können. Anderson unterscheidet zwischen zwei Arten von Filtern. Traditionelle Vorabfiltern (Talent- oder Produkt-Scouts) versuchen Vorhersagen über den Erfolg von Marken und Produkten zu treffen. Sie waren lange Zeit die einzigen Filter, die Industrie und Einzelhandel einsetzten. Mit der Internet-Ökonomie wurden nachträgliche Filter (Kundenrezensionen) möglich, die den tatsächlichen Erfolg aus der Masse aller Angebote messen.

Und gerade weil die Anzahl an Angeboten für den Verbraucher steigt, werden Filter gegen dieses Rauschen weiterhin an Bedeutung zunehmen. Stellen Sie sich vor Sie wollen in einer Datenbank mit zwei Millionen Liedern, Songs aus einer exotischen Subkategorie finden. Früher konnten Sie im Musikladen ein verglichen überschaubares Angebot durchsuchen. Ihre Nische konnte gar nicht existieren. Heute ist es für sie möglich ihre gewünschte Nische zu finden, wenn der entsprechende Filter existiert und das Lied richtig markiert (getaggt) wurde.

Je mehr Rauschen (für den Käufer irrelevante Informationen) ein Markt produziert, desto gefragter werden Filter sein.


Verlassen wir die physische Welt tut sich ein weiteres Betätigungsfeld von Filterwerkzeugen auf: die Knappheit an Informationen. Bei einem Mangel an Informationen gibt es keine Gewissheit. Filter helfen die Gewissheit zu steigern (außer im Labor gibt es keine vollkommene Gewissheit). Mit Gewissheit meine ich, das eindeutige Wissen darüber, dass eine Entscheidung Früchte trägt oder ein bestimmter Vorgang eintreten wird.

Unsere mentalen Ressourcen sind begrenzt. Selbst wenn alle Informationen verfügbar wären, könnten wir sie nicht verarbeiten. Unsere Aufmerksamkeit orientiert sich immer nur an wenigen Aspekten der Realität und das ist auch bitter nötig. Was dabei wichtig ist hängt auch hier vom Kontext ab. In sozialen Situationen ist es manchmal wichtiger wie jemand etwas sagt, während in der Produktionshalle nur der Inhalt einer Nachricht von Belang ist. Laut dem unabhängigen Forscher Luca Dell’Anna filtert Autismus Kontext. Das heißt Autisten filtern in sozialen Situationen relevante Informationen, die bei einer rein technischen Aufgabe irrelevant wären.

Auch Soziale Medien kommen ohne Filter nicht aus. Eine der wichtigsten Funktionen dürfte hierbei das „Blocken“ unliebsamer Personen sein, die einen belästigen, Unpassendes beitragen oder einem einfach nur auf die Nerven gehen.

Hast du auch brav deine Haut im Spiel?

Werbefachmann Rory Sutherland weist auf zwei verschiedene Filter hin, von denen Betriebswirte den einen per se nicht verstehen können (es sei denn sie sind gleichzeitig Werbefachmänner). Kosten und Aufwand signalisieren zweierlei. Wer Kosten als Filter einsetzt richtet sein Augenmerk auf Effizienz und reiht sich ebenfalls in jene Filterkategorie im Namen der Knappheit ein. Wer nach Kosten filtert wählt den günstigsten Preis, den schnellsten Prozess oder die ressourcenschonendste und sicherste Alternative (natürlich ohne Einbezug von Effekten höherer Ordnung). An was der betriebswirtschaftliche Modernorationalist überhaupt nicht denken kann ist, dass auch Aufwand als nützlicher Filter dienen kann und dass dies nicht einer bösen kognitiven Verzerrung zuzuschreiben ist. Wer „Signalling“ betreibt, teilt der Welt mit, dass es ihm ernst ist mit einer Sache ist. Das ist eine nützliche Information, die natürlich Kosten verursacht ohne dabei einen objektiven Nutzen zu bringen. Das ist aber auch Sinn der Sache. Ohne diese Information wäre es unmöglich für die Mitmenschen diese Art von Filter einzusetzen.

So sind Aufnahmerituale ein Filter, der potentielle Anwärter die Frage stellt, wie viel ihnen die Mitgliedschaft in einem Club wirklich wert ist. Erst wenn es etwas kostet, man Opfer bringen muss, hat man Skin in the Game (SITG).

Skin in the Game Filter sind häufig in den zwischenmenschlichen Bereichen anzutreffen. Reputation ist die wichtigste Größe in unseren Sozialbeziehungen, anhand der wir entscheiden wem wir vertrauen können und wem nicht. Reputation ist aber relativ. Wir können selbst entscheiden von wem wir gefiltert werden wollen und von wem nicht. Wird einer unserer Freunde öffentlich angegriffen können wir uns entscheiden ob wir zu ihm stehen oder ihn im Stich lassen. Aus seiner Sicht wäre unser Mut ein Filter, der ihn erkennen lässt, wer seine wahren Freunde sind, die auch in schwierigen Situationen zu ihm stehen. Paul Graham schrieb in einem Tweet, dass Idioten und Mobs, die offline wie online Menschen verbal angreifen, uns wertvolle Informationen geben wem wir vertrauen können. Wer sich gegen sie wehrt und sich von ihnen nicht beeinflussen lässt, ist ein frei denkender natürlicher Verbündeter, der sich vom Pöbel fernhält.


Sowohl in der Liebe als auch in der Religion dient Opferbereitschaft als Maß, wieviel einem seine Beziehung oder sein Glaube wert ist. Eine Mutter opfert sich für ihr Kind auf. Tut sie es nicht wird es nicht lange überleben oder das Sozialamt nimmt es ihr weg. In Sachen Religion trug sich im 17. Jahrhundert folgende Geschichte zu. Im Jahr der Offenbarung 1666 kam der jüdische Gelehrte Sabbatai Zevi in die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, der sich als der neue Messias präsentierte und viele Anhänger um sich scharte. Das Treiben gefiel dem Sultan gar nicht und er stellte Zevi vor die Wahl: entweder er konvertiert zum Islam oder er wird hingerichtet. Zevi entschied sich zum Erstaunen seiner Anhänger für ersteres und nahm den Namen Aziz Mehmed Efendi an. Trotzdem blieben ihm viele Gläubige treu. Heute erinnert sich aber kaum einer mehr an ihn. Religion fordert von seinen Heiligen vor allem eines: Opferbereitschaft.


Auch im Wirtschaftsleben erwarten wir die richtigen Signale. Würden Sie lieber in ein inhabergeführtes oder ein von Managern verwaltetes Unternehmen investieren? Ich nehme mal an ersteres ist der Fall. Entscheiden Sie sich für den Kauf eines Produktes stellen Marken ebenfalls Filter dar. Sie werden in beide Richtungen angewandt, als Positivfilter (Die muss ich kaufen) oder Negativfilter (die würde ich niemals kaufen). Der Markenaufbau ist teuer und mit Unsicherheit verbunden. Er steht symbolhaft für jene asymmetrischen Barrieren, die viel Zeit und Einsatz benötigen um sie zu erlangen, aber in relativ kurzer Zeit vernichtet werden können. Es handelt sich um die ultimativste Form im Wirtschaftsleben Verpflichtung zu signalisieren.


Bekommen wir Informationen, sind sie für uns wertvoller, wenn sie durch einen SITG-Filter laufen. Deswegen sind Kommentare und Rezensionen von Kunden eine wichtige Informationsquelle für unsere Kaufentscheidungen, egal ob es sich um Bücher, Hotels oder Restaurants handelt. Da Geschmäcker sehr unterschiedlich sind und die Erwartungen des ein oder anderen nicht mit der des Durchschnitts übereinstimmen, darf man die Aussagen nicht als Negativfilter und die Platzierungen nicht als Positivfilter ansehen. Punktebewertungen stellen eher eine Schwelle dar. Ab einem bestimmten Wert ist die Bewertung irrelevant und dient nur dazu, die richtig schlechten Anbieter auszusortieren. Einzelne Kommentare beziehen sich meist auf einen bestimmten Aspekt (Wartezeit, Qualität der Zutaten, Freundlichkeit der Bedienung). Es liegt an uns diese Filter zu kombinieren und an unsere Präferenzen anzupassen.


Ein anderer Aspekt des Filterns von Informationen ist der Graben zwischen Praxis und Theorie. Praxis ist in diesem Fall der Filter. Erst wenn man etwas tut versteht man es wirklich. Theorie reicht dafür nicht aus. Ist in einem Text auch jeder Arbeitsschritt eines Prozesses oder jeder Aspekt einer Problemstellung notiert, es hilft nichts. Man muss sich selbst in die Situation begeben das benachbart Mögliche austesten zu können. Erst dann merkt man was allgemein oder für seinen eigenen Kontext wirklich relevant ist. Die Anleitung zeigt einen Pfad auf. Es ist aber weder der beste noch der schlechteste. In der Erkundung des benachbart Möglichen können in einer (vom Allgemeinen) veränderten Umwelt alternative Pfade entdeckt werden, die ein tieferes Verständnis der Materie oder eine noch bessere Anleitung zu Tage fördern. Das Allgemeine speist sich aus dem Besonderen und das Besondere aus der Praxis.

In diesem Sinne ist Skin in the Game ein Filter der wie Nassim Taleb sagt, den „Kontakt mit dem Boden herstellt“. Genau das ist auch das Ziel einer Verfassung, nämlich den Kontakt mit dem Boden nicht zu verlieren. Daher stellen Verfassungen mit ihrer Gewaltenteilung organisiertes Misstrauen (Checks and Balances) her, mithin der wichtigste SITG-Filter auf gesellschaftlicher Ebene.

Der König aller Filter

Wenn ich etwas lese und schreibe in dem Moment an einem Buch ist bei mir ein Filter eingestellt bezüglich der Themen die mich gerade beschäftigen und ich sehe die gelesenen Dinge durch meine aktuelle Brille. Es empfiehlt sich die gleichen Bücher mehrmals zu lesen, wenn sie gut sind. Es tuen sich immer wieder neue Aspekte auf, auf die man beim ersten Mal lesen nicht gestoßen ist.

Bücher fallen in die Kategorie lindy. Mit lindy bezeichnet man zeitlose Dinge, die keinem natürlichen Verfall unterliegen. Dazu zählen neben Büchern, Ideen, Religionen oder Lebensmittelsorten. Es geht hier nicht um die physische Materie, sondern um deren geistige oder funktionelle Repräsentation. Also ist mit einem lindy Buch nicht das bedruckte Papier, sondern das enthaltene Wort gemeint. Nahrung ist lindy, wenn sie schon lange verzehrt wird, wie Olivenöl, im Gegensatz zu modernen Erfindungen der Lebensmittelindustrie wie Gummibärchen.

Laut der lindy Regel existieren Dinge die bereits zehn Jahre existiert haben, weitere zehn Jahre. Ist etwas hundert Jahre alt, wird es wohl weitere hundert Jahre überleben. Lindy geht auf den Filter Zeit zurück. Lindy wird etwas nur, wenn es sich in der Evolution bewährt hat. Das ist der Grund warum sich religiöse Traditionen lange halten. Sie stellen unergründliche Filter dar, die durch Jahrhunderte und Jahrtausende lange Erfahrungen entstanden. Die Zeit gibt ihnen meistens Recht.

Die Lindy-Eigenschaft hat mit Ergodizität zu tun, genauer gesagt mit Nicht-Ergodizität. In der Natur filtern nicht-ergodische Prozesse Dinge die nicht überlebensfähig sind. Der Filter Zeit eliminiert dabei jede Form von Zufälligkeit. Personen mit durchschnittlichen Fähigkeiten können überdurchschnittlichen beruflichen Erfolg haben. Für Raser oder andere fahrlässige Menschen geht es oft glimpflich aus. Kurz- und mittelfristig betrachtet haben sie alle Glück. Langfristig gesehen gibt es aber kein Glück, sondern nur Gefiltertes und Ungefiltertes.

Die Angst vor der Filterblase

Eli Pariser hat im Jahr 2011 den Begriff der Filterblase geprägt. Die Filterblase erzeugt abgeschlossene virtuelle Räume von Menschen mit gleicher politischer oder anderweitiger Einstellung, bedingt durch immer feinere Algorithmen, die der Informationsflut im Netz Herr werden sollen. Internetkonzerne nutzen dafür personalisierte Filter (zum Beispiel eine personalisierte Suche auf Google) und stellen dadurch eine Gefahr für die Demokratie dar. Zur Untermauerung seiner These zitiert Eli Pariser Mark Zuckerberg, der gesagt haben soll, dass ein sterbendes Eichhörnchen in deinem Vordergarten im Moment für dich relevanter sein mag, als Menschen die in Afrika sterben. Ist die Filterblase also eine Gefahr für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und das politische Engagement der Bürger?

Bernhard Pörksen argumentiert in eine andere Richtung. Das Internet schafft immense Möglichkeiten. Heutzutage ist es sehr leicht an Informationen gegen die eigene Meinung zu gelangen. Die Abschottung ist nicht systembedingt, sie ist individuell gewollt. Eigentlich handelt es sich nicht einmal um eine Abschottung. Pörksen spricht von der „Transparenz der Differenz“. Gegenmeinungen zur eigenen Einstellung sind aktuell so sichtbar wie nie zuvor. Die Konfrontation mit der Gegenmeinung wird gezielt gesucht. Das Problem der Radikalisierung scheint nicht primär am Filter zu liegen. Ich denke Marker sind es, die aggressives und sektiererisches Verhalten im Netz auslösen. Die Konfrontation mit der Geschwindigkeit und Flut an Informationen verführt Nutzer dazu über einen Marker (eine in einem Text identifizierte Wortkombination) immer wieder die falschen Filter zu selektieren und sich darüber zu radikalisieren. Das führt dazu, dass man über manche Themen wie Corona oder Flüchtlinge gar nicht mehr vernünftig diskutieren kann, weil ein Marker automatisch einen Filter- und Reaktionsprozess in Gang setzt.

Man muss dem Internet aber zu gute heißen, dass es für Informationssymmetrie sorgt. Die Entscheidung über die Dinge informiert sein zu wollen, die man als relevant für sich erachtet, hatten die Generationen vor uns nicht. Der Informationsfluss ging nur in eine Richtung und die Nachrichten wurden von den Medien vorselektiert. So berichtet Stefan Zweig in seinen Memoiren, dass von den Kämpfen zwischen Heimwehr und Arbeiterschaft 1934 in Wien, Zeitungsleser in New York oder London wesentlich schneller erfuhren als er, der sich nur wenige Straßenzüge vom Geschehen entfernt aufhielt.

Falsche Filter

Ich habe bisher eine Reihe von Filtern aufgezählt, die mehr oder minder in ihrem angestammten Platz funktionieren. Nun werden in der Praxis haufenweise Filter angewandt, die keinen Nutzen bringen oder sogar Schaden anrichten. In der Liebe macht es niemanden langfristig glücklich seinen Partner nach Geld oder Aussehen zu filtern. Diese Filter sind nicht generell schlecht. Wenn Frauen reiche Männer filtern und Männer ansehnliche Frauen, dann bekommen sie respektive ihre Altersvorsorge und tollen Liebesnächte. Ich bezweifle aber, dass dies langfristig alles ist, wonach sie suchen. Falsche Filter wirken auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene. Das Problem ist, dass sich ihre Nutzung wie ein Lauffeuer verbreiten kann. In der Memtheorie stellen sogenannte Meme Gedanken dar, die sich über Kommunikation und Imitation verbreiten und einen kulturevolutionären Prozess einleiten. So ein geäußerter Gedanke enthält oft einen Filter der implizit mittransportiert wird. Filter werden geteilt über kulturelle Theorien und jegliche Medien. Frauen wollen einen Typ von Mann, weil andere Frauen diesen Typ von Mann begehren. Fernseh- und Internetstars geben uns Filter in die Hand um ja auch die „coolen Kids“ von den Anderen unterscheiden zu können.
Kategorien richten sich nicht nach der Realität sondern nach der Aufgabe. Der Filter legt die Kategorie fest und nicht umgekehrt. Deswegen macht eine „objektive“ Analyse von Filterkriterien in dynamischen Umgebungen keinen Sinn. Deswegen sind dort Lindy- oder Skin-in-the-Game-Filter mehr als ausreichend. Wenn sich Meme verbreiten werden Filter und Kategorien durch Imitation immer ähnlicher. Daher stimme ich mit Eli Pariser nicht ganz überein. Wir brauchen Barrieren. Filterblasen sorgen in einer globalisierten Welt für eine Vielfalt an Filtern. Ihr Gegenteil wäre ein omnipräsenter Überfilter, dem niemand entfliehen kann. Wir hatten den Fall vor wenigen Jahrzehnten, als wenige Medienanbieter über eine nahezu vollkommene Informationsgewalt verfügten. Soziale Medien und ihre Filterblasen sind nicht perfekt, aber wir dürfen nicht vergessen, in welch verändertem Umfeld sie beheimatet sind. Filterblasen können sowohl Kristallisationspunkt für einen Überfilter als auch Widerstand gegen einen solchen sein. Jeder sollte sein Augenmerk auf ihre Diversität anstatt ihrer reinen Existenz richten.

Die größte Gefahr geht von Filtern aus, die außerhalb ihrer ökologischen Rationalität allmählich zur Institution werden, weil Moral, Wissenschaft oder Aberglaube in Bereiche vordringen in denen sie nichts zu suchen haben. Manche Bereiche sind dabei anfälliger für falsche Filter als andere. Zu viele freie Parameter verführen zum willkürlich Filter setzen. Der Filter wird zum Ideal. Ideen, Handlungen oder Zustände die diesem Ideal widersprechen werden abgelehnt. Ideologien bewerten politische Fragestellungen anhand eines Filters. Ob zukünftige Bedrohungen oder die Vor- und Nachteile bestimmter Maßnahmen, alles wird durch diesen Filter betrachtet.


Verantwortlich: Ioannis Alexiadis


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Literatur:

Anderson, Chris: The Long Tail. Nischenprodukte statt Massenmarkt. das Geschäft der Zukunft. Hanser, 2006.

Dellana, Luca: The World Through a Magnifying Glass: a guide to understand Autism Spectrum Disorders (ASD) and Neurodiversity.

Pariser, Eli: When the Internet Thinks It Knows You. New York Times, 22.05.2011.

Pörksen, Bernhard: Die Theorie der Filterblasen ist nicht länger haltbar – Wir leiden bereits unter dem Filter-Clash. Neue züricher Zeitung, 12.07.2018.

Sutherland, Rory: Alchemy. The Surprising Power of Ideas That Don't Make Sense. Penguin Verlag, 2019

Taleb, Nassim Nicholas: Skin in the Game. Das Risiko und sein Preis. Penguin Verlag, 2018.