Die Türkei verstehen

Geschichte

Der Aufstieg des Osmanischen Reichs

Turk-Völker lebten als Nomaden in Zentralasien. Ihre Islamisierung sorgte dafür, dass einige türkische Stämme in den Orient einwanderten. Türkische Seldschuken waren Söldner am persischen Hof und übernahmen die Macht in Bagdad, ehe der Stamm der Osmanen sich in Kleinasien ausbreitete und die Byzantinische Hauptstadt Konstantinopel einnahm. Der Erfolg des Osmanischen Reiches wurde von der Schwäche des Byzantinischen und des Abassidenreichs begünstigt. Durch kluge Diplomatie und miltärisches Geschick gelang den Osmanen eine schrittweise Expansion in Europa, Afrika und Asien. Ihre militärische Stärke basierte auf der Knabenlese, der Wegnahme christlicher Jungen im Kleinkindalter, zur militärischen Ausbildung als Eliteeinheit der Janitscharen. Durch das Bewusstsein ihrer Wichtigkeit verfiel die Kampfkraft der Janitscharen, bis sie schließlich 1826 aufgelöst wurden. Sie waren zu einem ständigen Keim von Revolten und einem Hindernis für Reformen geworden. Die erfolglose Belagerung Wiens markierte 1683 das Ende der osmanischen Expansion, die nun von einer Zurückdrängung aus Europa abgelöst werden sollte. Alle Reformversuche des Osmanischen Reiches diesen Prozess aufzuhalten blieben erfolglos.

Der Nationalismus zersetzt das Osmanische Reich

Im 19. Jahrhundert formte eine neue Ideologie die europäische Landschaft. Das Aufkommen des Nationalismus berührte auch das Osmanische Reich. Nationen wurden gegründet und proklamierten ihre Unabhängigkeit von den Osmanen. Auf dem Balkan enststand eine Gewaltspirale in der auf Gewalttaten der osmanischen Armee Racheaktionen der separartistsichen Völker folgten und wiederum stärkere Repressalien zur Folge hatten. Diese Gewaltaktionen fanden unter Beteiligung der Zivilbevölkerung statt.

In der Geschichte des Osmanischen Reichs gab es zahlreiche Migrationsbewegungen, die im 19. Jahrhundert eine ethnisch inhomogene Bevölkerungslandschaft hinterließen. Die Nationalismen in der Region trachteten nach einer religiösen und kulturellen Homogenisierung und zielten in erster Linie auf die muslimischen Minderheiten ab. Dies verursachte eine massenhafte Einwanderung muslimischer Flüchtlinge aus dem Balkan und dem Kaukasus in die verbliebenen Reichsgebiete. Der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung stieg stark an, wodurch das Reich einen zusehends muslimischen Charakter erhielt und versuchte die einzelnen muslimischen Bevölkerungsgruppen (Türken, Kurden, Tscherkessen, Tataren, Bosniaken, Albaner, Lasen etc.) in einem muslimisch geprägten türkischen Nationalismus zu einen.

Die Formierung des türkischen Nationalismus

In Folge der nationalistischen Bewegungen auf dem Balkan verlor das Osmanische Reich fast seine kompletten europäischen Besitztümer. Das Osmanische Reich galt als kranker Mann am Bosporus. Als Reaktion auf diese Entwicklungen entstand die Bewegung der Jungtürken. Sie galten als nationalistische, liberale Reformierer und viele zuvor unterdrückte Minderheiten hatten Hoffnung dass sich ihre Situation bessern würde und die Repressalien der osmanischen Regierung enden würden. Die Jungtürken putschten sich an die Macht und unternahmen den Versuch einen osmanischen Nationalismus zu etablieren, dem alle osmanischen Bürger (auch Christen und Juden) zugehörig sein sollten. Andere, konkurrierende Nationalismen (griechische, armenische, kurdische) verhinderten aber den Erfolg des Osmanismus und die Jungtürken forcierten nun einen türkischen Nationalismus und sahen die christlichen Minderheiten als Elemente an, die dem im Weg standen. Fortan verstärkte sich Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung gegen christliche Minderheiten.
Die Vision Enver Pashas panturanischen Reiches führte zur Beteiligung am ersten Weltkrieg und der vernichtenden Niederlage, die mit einer bedingungslosen Kapitulation des Osmanischen Reichs endete. Die Alliierten teilten das Land in Besatzungszonen ein und verhandelten über seine Zukunft. Der Streit zwischen Italien und Griechenland um die Westküste Kleinasiens führte zur Besetzung der Region Smyrna durch griechische Truppen, um die ansässige griechische Bevölkerung zu schützen. Moderate türkische Kräfte wie der osmanische Gouverneur von Smyrna, Rahmi Bey, wurden von den Briten, als stärkster Besatzungsmacht, abgesetzt. Sie zögerten wichtige Entscheidungen hinaus, was Räuberbanden in Anatolien, aufgrund fehlender staatlicher Strukturen, gediehen ließ. Um der Lage im Osten Herr zu werden, beauftragten die Briten den osmanischen General Mustafa Kemal in Anatolien für Ordnung zu sorgen. Stattdessen baute Kemal Widerstandstruppen auf, ging gegen Kurden, Pontos-Griechen und andere Minderheiten vor und besiegte die griechische Armee. Der durch Mustafa Kemal neu ausverhandelte Friedensvertrag von Lausanne, war die Grundlage für die Gründung der Republik Türkei im Jahre 1923 und legitimierte die zuvor begangenen ethnischen Säuberungen. Er ersetze den alten Vertrag von Sèvres, der für die Türkei nur ein vergleichweise kleines Staatsgebiet vorsah. Diese Republik entstand durch einen Krieg gegen innere und äußere Feinde.

Niederlage und Völkermord

Der langsame aber stetige Zerfall des Osmanischen Reiches markierte eines der größten Traumata der türkischen Geschichte. Die Schuld an der Niederlage im ersten Weltkrieg wurde der christlichen Minderheit im Reich gegeben. Es ist auch wichtig sich über die Machtverhältnisse in Kleinasien im Klaren zu sein. Das Militär war zwar unter türkischer Kontrolle, Wirtschaft und Handel waren aber in griechischen und armenischen Händen. Daher erschienen diese Gruppen als Bedrohung und es entstanden Ängste in der islamischen Bevölkerung. Diese Ängste wurden von nationalistischen Kräften weiter geschürt und sie gingen soweit zu glauben, Christen hätten die Absicht sie auszurotten. Der Vertrag von Sèvres trug sein weiteres dazu bei. Vertreibung und Vernichtung von christlichen Minderheiten vor und während der Gründung der Republik waren die Folge. Zwangstürkisierung und Zwangsislamisierung war für die christlichen Armenier, Griechen, Assyrer und Aramäer die einzige Möglichkeit in ihrer Heimat zu verbleiben. Unter den Tätern gab es eine hohe Anzahl von Personen die selbst oder deren Vorfahren zuvor aus dem Balkan vertrieben wurden. Doch auch nach dem Krieg kam es zu Übergriffen auf Minderheiten. Die Dersim-Rebellion endete mit einem Massaker an den Kurden in den Jahren 1937/38.

Mentalität

Atatürk

Eine Kritik an Atatürk und den türkischen Nationalismus ist ein absolutes Tabuthema in der Türkei. Ein Gesetz zur Beleidigung des Andenken Atatürks aus dem Jahr 1951 das bis heute Bestand hat, stellt die Kritik am ehemaligen Staatsoberhaupt unter Strafe. Die Rolle Atatürks war entscheidend für die Bildung einer türkischen Nation und führte zur Verehrung und Vergötterung Atatürks in der türkischen Bevölkerung. Sein Leitspruch ist allgegenwärtig:
"Welches Glück wird dem zuteil, der sagen kann, ich bin ein Türke!".

Ein monoethnischer Vielvölkerstaat

Aus einem Vielvölkerstaat (Osmanisches Reich) wurde der Nationalstaat Türkei. Mangels anderer Kategorisierungsmerkmale (Vielvölkerstaat) war die Zugehörigkeit zum Islam zwingende Bedingung um Türke zu sein. Nur ein geringer Teil der Türken stammt von den türkischen Nomaden ab, die einst aus Zentralasien nach Kleinasien einwanderten. Der Rest hat vorwiegend armenische, arabische, kurdische, griechische, syrische oder slawische Vorfahren. Es herrscht bis heute eine Angst um das Auseinanderbrechen des Landes vor. Aufgrund dieser Angst wird massiv gegen jeden separatistischen Gedanken (Kurden) vorgegangen. Dahinter steckt auch der weit verbreitete Glaube, dass ausländische Mächte die Türkei zerstückeln wollen. Historiker sprechen vom Sèvres-Syndrom, da der Vertrag von Sèvres die Aufteilung des Landes unter fremden Mächten verkörpert.

Akteure

Erdoğan und Gülen

Recep Tayyip Erdoğan war Absolvent einer religiösen İmam-Hatip-Schule. Als Bürgermeister von Istanbul erlangte er durch die Förderung von Sozialwesen und Bildung, als auch die Bekämpfung von Kriminalität und Umweltverschmutzung, große Beliebtheit. Der islamische Prediger Fethullah Gülen hat ein Netzwerk aus Unternehmen und Schulen gegründet und hat wie der Anführer der AKP-Partei Erdoğan, den frommen Islam in der Türkei gefördert und politisch dominant gemacht. Vor allem in den ländlichen Gebieten Anatoliens war und ist die Bevölkerung sehr religiös geprägt und ist froh über die Ablösung der kemalistischen Eliten durch die AKP. Gülen lebt seit 1999 im amerikanischen Exil in Pennsylvania, wohin er geflüchtet ist, um einer möglichen Strafverfolgung zu entgehen. Erdoğan unterstellt ihm sich mit fremden Mächten verbündet zu haben und am Militärputsch beteiligt gewesen zu sein.

Militär und Kemalisten

Nach der Staatsgründung wurden viele wichtige Staatsposten mit Verbrechern des Völkermords besetzt. Das Militär nahm eine herausragende gesellschaftliche Rolle ein und war als Beschützer des säkularen Staates vorgesehen. Die Republik war anfangs noch keine richtige Demokratie, da nur eine Partei, die kemalistische CHP, existierte. Eine Diskriminierung von christlichen Minderheiten fand weiterhin statt, bis hin zur Errichtung von Konzentrationslagern in den 30er Jahren.
Für die kemalistischen Eliten und das Militär sind mehrere Ethnien nicht akzeptabel, deswegen reagierten sie positiv als die AKP Kurden in Anatolien für sich gewinnen konnte und diese sich von kurdischen Parteien abwandten. Als die Islamisierung immer stärker wurde, sahen sie aber den Kemalismus in Gefahr.
Atatürk hat durchaus wichtige Reformen eingeführt. Er hat einen säkularen Staat etabliert und die Rechte der muslimischen Frauen gestärkt. Diese Reformen waren aber gewaltsam erzwungen, nach einem brutalen Krieg und wurden mithilfe einer nationalistischen Ideologie aufrechterhalten.

HDP

Die liberale, kurdische Partei HDP hat überwiegend kurdische Wähler. Sie will eine höhere Autonomie der Kurdengebiete und aus diesem Grund ist die Bildung einer Koaltition mit einer der anderen größeren "türkischen" Parteien problematisch. Weder AKP noch CHP und erst recht nicht die MHP würden einer stärkeren Autonomie der Kurden zustimmen. Daher ist eine zukünftige Regierungsverantwortung der HDP unwahrscheinlich.

Adnan Tanrıverdi und SADAT

Seit dem missglückten Militärcoup am 15. Juli strukturiert die AKP-Regierung das Militär um. Erdoğan hat den ehemaligen General Adnan Tanrıverdi zu seinem obersten Militärberater ernannt. Er gilt als Islamist und ihm gehört eine private Miliz namens SADAT, die der Regierung Anti-Terror-Dienste anbietet und verdächtigt wird in Verbrechen gegen Kurden verwickelt zu sein. SADAT sollen viele islamistisch geprägte Mitarbeiter angehören und könnte für die AKP eine Möglichkeit bieten das türkische Militär zu unterwandern.

Diyanet: Religion und Säkularismus

Nach der Gründung der laizistischen Republik wurde die staatliche Behörde Diyanet gegründet, die für religiöse Angelegenheiten zuständig war. Die kemalistische Elite entschloss sich religiöse Themen einer separaten Verwaltungseinheit und nicht (wie zuvor üblich) einem Ministerium anzuvertrauen, um so der Gefahr einer religiösen Einmischung in die Politik entgegenzuwirken. Diyanet kümmert sich um Dinge, wie die Zuteilung geeigneter Gebetsstätten oder der Veröffentlichung von korrekten Koran Übersetzungen. Durch ihre Präsenz im ganzen Land hat die Behörde einiges an Einfluss gewonnen.

Literatur

Akçam, Taner: From Empire to Republic: Turkish Nationalism and the Armenian Genocide. Hrsg.: Zed Books. London 2005.

Jung, Dietrich: The Sèvres Syndrome: Turkish Foreign Policy and its Historical Legacies. The University of North Carolina at Chapel Hill, 2003.

Faroqhi, Suraiya: Geschichte des Osmanischen Reiches; München C. H. Beck 2014.

Frankenfeld, Thomas: Die Türkei und das "Sèvres-Syndrom". Hamburger Abendblatt, 19.04.2016.

Gözaydın, İstar B: Diyanet and politics. The Muslim World 98.2‐3, S. 216-227, 2008.

Hofmann, Tessa: Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich 1912-1922. LIT Verlag Münster, 2004.

Milton, Giles: Paradise Lost: Smyrna 1922. The Destruction of Islam's City of Tolerance. Hodder & Staughton, 2008.

Pekesen, Berna: Vertreibung und Abwanderung der Muslime vom Balkan, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz, 2011.

Rubin, Michael: Erdogan Makes a Bid for the Military. Whoever wins, NATO and hopes of a Western-oriented Turkey will lose. American Enterprise Institute, 2016.

Scholl-Latour, Peter: Allahs Schatten über Atatürk. Die Türkei in der Zerreißprobe. Siedler Verlag, 1999.

Yardumian, Aram; Schurr, Theodore G: Who are the Anatolian Turks? A reappraisal of the anthropological genetic evidence. Anthropology & Archeology of Eurasia 50.1, S. 6-42, 2011.

van Bruinessen, Martin M: The Suppression of the Dersim Rebellion in Turkey (1937-38) and the chemical war against the Iraqi Kurds (1988); in: George J. Andreopoulos (Hrsg.), Conceptual and historical dimensions of genocide. University of Pennsylvania Press, S. 141-170, 1994.